13. Jahrhundert
20er Jahre: In Kölner Raum entsteht das Epos "Morant und Galie",
später (auch) als zweiter Teil des "Karlmeinet". Verbesserung
der Sense. Die Sense wird bis ins 15. Jh. lediglich zur Heumahd verwendet.
Das Getreide wird weiterhin mit der Sichel geschnitten (bis ins 18. Jh.).
Am Wagen werden Ortsscheite üblich, wodurch mehrere Pferdepaare hintereinandergespannt
werden können. Verwendung des Pedals. Selbst der Adel trägt noch
nicht überall Unterwäsche. Der bäuerliche Bundschuh wird ein
populäres Symbol gegenüber dem bespornten Ritterstiefel. In den
höheren Kreisen verbreitet sich der Spiegel.
Es setzt sich in immer mehr Gemeinwesen der 1. Januar als Jahresanfang durch.
Es festigt sich die das ganze Mittelalter hindurch gültige Sitte, daß
nur unverheiratete Frauen das Haar offen tragen dürfen. Kopftuch und
Schleier bleiben die ganze Zeit in Mode, beginnen aber schon im 13. Jh. ihre
verhüllende Funktion einzubüßen.
Mitte des 13. Jahrhundert: Entstehung des Epos "Karl und Elegast"
(Carel ende Elegast, später als Teil IV des "Karlmeinet").
Mitte des 13. Jahrhundert setzt in Italien eine eigene Papierfabrikation ein
(Fabriano, Provinz Ancona).
Mitte des 13. Jahrhundert geht die kaufmännische Oberschicht nördlich
der Alpen (etwa in Lübeck) zur Schriftlichkeit über.
Seit dem 13. Jahrhundert wird die Beförderung zum Ritter (durch die Schwertleite)
auch gewöhnlichen Ministerialen zuteil. Noch nach der Mitte des 13. Jhs.
wird in bäuerlichen Kreisen Baden als Verweichlichung angesehen.
Ende des 13. Jahrhundert ordnet der Stadtrat von Colmar an, die Sägewerke
zu zerstören, um den Raubbau am Wald zu verhindern. Daraufhin strömen
"arme Leute und Hungerleider" scharenweise mit Handsägen in
die Wälder und richten hundertmal mehr Schaden an.
Bis Ende des 13. Jahrhundert gibt es in Paris 26 öffentliche Heißbäder.
Ende 13. Jahrhundert bis 1378: In Deutschland herrscht als Jahresanfang der
25. Dezember vor, zuweilen erscheint auch der 1. Januar.
1200
Ein Brand verwüstet Rouen. Auch die Kathedrale muß neu gebaut werden.
Eberhard II. aus dem Geschlecht der Freien von Regensberg (bei Zürich)
wird Erzbischof von Salzburg (bis 1246). Er verschafft der Saline Hallein
die führende Stellung im Südostalpenraum und gründet die drei
Eigenbistümer Chiemsee, Seckau und Lavant. Dieser bedeutendste Salzburger
Erzbischof des Hochmittelalters greift als letzter seines Amtes in die europäische
Geschichte ein.
Der Marktplatz von Hannover wird (nach archäologischen Befunden) mit
kleinen Feldsteinen gepflastert. Es bildet sich dort im Laufe des 13. Jhs.
eine 30 cm hohe Schmutzschicht, weil es noch keine Straßenreinigung
gibt.
Hamburg erhält zwei Rathäuser (wohl je eins für Altstadt und
Neustadt).
Wahrscheinlich bereits jetzt haben die Schwertschmiede von Köln ein eigenes
Kaufhaus. Erste Erwähnung des Hellers (Häller Pfennig nach der königlichen
Münzstätte Hall in Schwaben). Aus einer Mark Feinsilber werden 600
Heller geprägt. Größte Wachstumsrate der europäischen
Bevölkerung im Mittelalter, besonders in Frankreich und England. Ungefähre
Einwohnerzahlen Europas nach Le Goff: Gesamt 61 Mio., Frankreich 12 Mio.,
Deutschland 8 Mio., England 2,2 Mio., Florenz (nach Villani) 10000. Die Schriften
des Aristoteles werden im Abendland bekannt. Hartmann von Aues "Iwein".
Es gibt bereits Hausunterricht im Sinne von Laienbildung. Ende der romanischen
Kunstepoche. Entstehung des Nibelungenliedes, wahrscheinlich in Passau. Entstehung
der zwei erhaltenen Fragmente der "Folie Tristan" (Bern und Oxford).
Die Slawen sind mittlerweile auf die Linie Schwerin, Ruppin, Jüterbog,
Dresden, Eger zurückgedrängt. Die Stadtmauern von Mainz (vor 37
Jahren zerstört) werden wieder instandgesetzt. Erst jetzt hat die Hausratte
(Rattus rattus) in nennenswertem Umfang Mitteleuropa besiedelt. Bei Lüttich
wird mit dem Abbau von Steinkohle im Tagebau begonnen. Eine Miniatur in einem
Manuskript aus Cambridge zeigt einen neuen Webstuhl: einen Zwischentyp aus
Vertikal- und Horizontal-Webstuhl. Dieser hat bereits Pedale, seine Schäfte
sind jedoch noch waagerecht. Dieses Modell webt schneller und der Stoff wird
dichter und schöner. In den Jahrzehnten um 1200 hat sich vermutlich im
Laufe etwa einer Generation großräumig ein Töpferhandwerk
im engeren Sinne herausgebildet. Etwa gleichzeitig tritt in der Keramik eine
neue Technologie auf (bis um 1500 beibehalten) und die Zahl verschiedener
Gefäßformen - für spezielle Anwendungen - wächst. Vor
allem beim Trinkgeschirr geht man über die bloße Zweckmäßigkeit
hinaus. Entstehung der Burg Lahr (bei Offenburg), ein frühes Beispiel
für eine Wasserburg mit Ecktürmen, Deren Schwerpunkt liegt im 14.
und 15. Jh. Münster erhält eine Stadtmauer. Ab jetzt etwa findet
der Dolch Eingang in die ritterliche Bewaffnung. Bis ca. 1350: In dieser Zeit
ist in den meisten Diözesen Deutschlands die Bedanische Indiktion zur
Jahreszählung gebräuchlich. (Erläuterung der Indiktion: siehe
832) Bei dieser wechseln die Jahre zum zum 24. September. Ein Anonymus (alias
"Magister P.", vielleicht Bischof Peter von Györ?), der ehemalige
Notar König Belas III. von Ungarn verfaßt die "Gesta Hungarorum",
die erste Geschichte der Ungarn. Nach 1200 werden in Wien erste kleine Steingebäude
errichtet. Bis 1209: Wirnt von Grafenberg verfaßt "Wigalois oder
der Ritter mit dem Rad", einen Roman des Artuskreises. Nach 1200: Auf
Burgen treten neben Kaminen auch Öfen auf.
1201
17. November: Sonnenfinsternis.
Herzog Waldemar II. von Dänemark überfällt Hamburg und besetzt
Stadt und Umland (bis 1227). Graf Adolf III. von Schauenburg gerät in
dänische Gefangenschaft. In die Grafenburg zu Lübeck wird eine dänische
Besatzung gelegt (bis 1225). In Lübeck werden Ratsherren (consules) erwähnt.
Gründung von Riga. Chiarissimo de' Medici wird als Mitglied des Stadtrates
von Florenz erwähnt, womit erstmals ein Mitglied dieser Familie öffentlich
genannt wird. Philipp von Schwaben wird erneut vom Papst gebannt.
1202
Vor 1202 stirbt der französische Troubadour Blondel de Nesle. Über
sein Leben ist nichts näheres bekannt und von seinen Liedern sind 24
erhalten. Die Sage macht aus ihm den treuen Spielmann, der den gefangenen
Richard Löwenherz gefunden hat - aber dem ist nicht so! März und
April: Graf Hugo von St. Pol schafft auf seinem Grund drei (vielleicht auch
vier) städtische Kommunen, um auf diese Weise an Geld für die Teilnahme
am Vierten Kreuzzug zu kommen. An einer Moschee in Damaskus wird eine Wasserkunstuhr
mit Schlagwerk angebracht. Gründung des Schwertbrüderordens. Ihm
können auch Kaufleute angehören. Leonardo Fibonacci veröffentlicht
das "Liber abaci" (Buch vom Rechenbrett), die erste gründliche
Darlegung der arabischen Zahlzeichen, der Null und des Dezimalsystems.
1203
Neue Münze: Venedig gibt den Matapan heraus. Das alte Münzsystem,
verkörpert durch Monometallismus ("ganz aus Silber" - theoretisch!)
und Einheitlichkeit der Währung (nur der Denar), das der Zeit nicht mehr
entspricht (man muß säckeweise schlechte Denare mitschleppen),
wird langsam aufgeweicht (nicht nur in Florenz). 12. November: "Pelzurkunde"
des Bischofs Wolfger von Passau: Walther von der Vogelweide erhält für
5 solidi einen neuen Pelzrock. Bischof Wolfger, der sich an seinem Bischofssitz
auch einen eigenen joculator hält, hat zahlreiche Rechnungen hinterlassen,
in welchen Spielleute beschenkt werden, wobei die namentlich genannten von
ihnen meist höhere Beträge erhalten. So hat einmal ein Messerwerfer
das Doppelte eines durchschnittlichen Gauklers bekommen. Auf einer Reise nach
Italien hat Wolfger etwa acht Mark für Spielleute ausgegeben, jedoch
nur drei Mark für Pilger, Arme und Alte. (Um 1200) Leopold VII. von Österreich
heiratet Theodora Komnena.
1204
Bischof Wolfger von Passau beschenkt in in Italien mehrere "cantatrici"
(Sängerinnen). Es stirbt der jüdische Philosoph Moses Maimonides
(69). Papst Innozenz III. dekretiert in der Bulle "Per venerabilem"
bezüglich des französischen Königs: "Der König ist
in seinem Reich Kaiser." Philipp August von Frankreich erobert die Normandie.
1205
Das Nibelungenlied erhält seine endgültige Gestalt. In der Gegend
von Mâcon sind die Ritter in eine Krise geraten; sie können sich
nur noch Geld leihen, wenn sie einen Teil ihrer Ländereien verpfänden.
1206
Heinrich von Lettland berichtet, daß in diesem Jahr zwei mit Korn beladene
Koggen die neue Stadt Riga vor einer Hungersnot gerettet haben. Der Ort Drezdany
am linken Ufer der Elbe wird urkundlich als Dresden erwähnt.
Nach 1206: Konrad von Eberbach vollendet sein "Magnum Exordium"
(Exordium magnum Cisterciense sive narratio de initio Cistercienis ordinis
auctore Conrado monacho Claravallensi postea Eberbacensi), ein Exempelbuch.
1207
Sagenhafter Sängerkrieg auf der Wartburg. Der Erzbischof von Bremen dringt
mit einem Heer ins Gebiet der Stedinger ein, um höhere Abgaben zu erzwingen.
Viel Erfolg scheint er dabei nicht gehabt zu haben.
1208
21. Juni: Philipp von Schwaben wird aus persönlichen Gründen von
Pfalzgraf Otto von Wittelsbach in Bamberg ermordet. In Wien gibt es eine flämische
Kolonie; Herzog Leopold VI. von Österreich gewährt ihnen Privilegien.
1209
London erhält eine steinerne Brücke. Konzil von Avignon: Die Bischöfe
werden angewiesen, sogenannte Synodalzeugen einzusetzen (meist Autoritätspersonen
der niederen weltlichen Gerichtsbarkeit), die in den Gemeinden gezielt nach
Erzketzern und deren Aktivitäten suchen und solche dem Bischof melden
sollen. Tod des Spielmanns (Menestrel) Jean Bodel aus Arras (geb. 1165), der
etliche inzwischen verlorengegangene Epen bearbeitet haben muß, besonders
das Sachsenlied (Chanson des Saxons). Otto IV. (34) wird nochmals zum König
gewählt. In diesem Jahr erhält er auch die Kaiserkrone (bis 1218).
Gründung des Franziskanerordens.
Bis 1348: Aus dem Ort Taunton in der englischen Grafschaft Somerset ergeben
erhaltene Aufzeichnungen ein jährliches Bevölkerungswachstum von
0,85%. (Vgl. 1377)
1210
Die Kathedrale von Reims brennt ab.
Ca.: Otto IV. verleiht Reutlingen die ersten städtischen Rechte.
Ca.: Wolfram von Eschenbachs "Parzival".
Ca.: Gottfried von Straßburgs "Tristan" (erstes Jahrzehnt
13. Jh.). Über den Autor ist praktisch nichts bekannt. Der Versroman
ist durch 11 Handschriften und 16 Fragmente überliefert (meist alemannisch).
Bis 1220: Thomasin von Zerklaere (Zerclaire) verfaßt "Der welsche
Gast", die erste umfassende Hoflehre in deutscher Sprache. Danach gilt
es u.a. an deutschen Höfen als vornehm, seine Rede mit französischen
Wörtern zu schmücken. Den adligen Frauen wird größte
Zurückhaltung auferlegt: "ein vrouwe sol ze deheiner zit / treten
weder vast noch wît" (Eine Dame soll beim Gehen niemals zu stark
auftreten oder zu große Schritte machen.) [417 - 418]; "ein vrouwe
sol recken niht ir hant, / swenn si rît, vür ir gewant; / si sol
ir ougen und ir houbet / stille haben" (Eine Dame soll beim Reiten nicht
ihre Hand aus dem Gewand herausstrecken, sie soll Augen und Kopf stillhalten.)
[437 - 440]; "ein vrouwe sol niht vast an sehen / einn vrömeden
man" (Eine Dame soll einen fremden Mann nicht direkt ansehen.) [400 -
401]; "zuht wert den vrouwen alln gemein / sitzen mit bein über
bein" (Der Anstand verbietet es allen Damen, beim Sitzen ein Bein über
das andere zu schlagen.) [411 - 412].
1211
Der Erzbischof von Trier schenkt den Hemmeroder Mönchen zu ihren Klosterbauten
die "unnützen" Mauern des dortigen Amphitheaters als Steinbruch.
Als Begleitung der vierjährigen Elisabeth, spätere Landgräfin
von Thüringen auf dem Weg zur Wartburg, erscheint eine gewisse Alheit,
einmal als "jongleresse" und einmal als "Fidlerin" beschrieben,
die von König Andreas von Ungarn eigens dazu erkoren worden ist, das
Mädchen aufzumuntern und ihm das Heimweh zu nehmen. In Reims wird mit
dem Bau einer neuen Kathedrale begonnen.
1212
Walther von der Vogelweide ist im Dienst von Markgraf Dietrich von Meißen.
Von diesem Jahr bis 1213 befindet er sich auch am Hofe von Otto IV. In Polen
wird die erste Walkmühle erwähnt. Mai: In Saint-Denis, wo König
Philipp von Frankreich Hof hält erscheint ein etwa zwölfjähriger
Hirtenknabe namens Stephan (aus Cloyes im Orléannais) und überbringt
einen Brief für den König, der angeblich ihm von Christus persönlich
übergeben worden sei, welcher ihm erschienen sei und ihn geheißen
habe, den Kreuzzug zu predigen. Philipp schickte ihn zwar wieder nach Hause,
doch beginnt besagter Stephan nun vor dem Portal der Abtei von Saint-Denis
zu predigen und verkündet, daß er einen Zug von Kindern zur Rettung
der Christenheit anführen werde. Das Meer würde vor ihnen austrocknen
und sie würden wie einst Moses ins heilige Land ziehen. Er erhält
Zulauf von allerlei Kindern und zieht im Lande herum. Ende Juni: Zu Vendôme
versammeln sich mehrere tausend Kinder, um sich Stephan, dem "minderen
Propheten" (wie er damals genannt wurde) anzuschließen, darunter
auch Mädchen und mehrere junge Priester nebst einigen älteren Pilgern.
Viele müssen außerhalb der Stadt lagern. Ihr Zeichen ist ein Abbild
der Oriflamme (Lilienbanner). Von dort ziehen sie nach Marseille, meist zu
Fuß, ihr Anführer Stephan in einem geschmückten Karren mit
Baldachin. Er wird wie ein Heiliger behandelt und Locken seines Haares und
Stücke seiner Kleidung werden wie Reliquien gesammelt. Sie ziehen über
Tours und Lyon. Der Sommer ist ungewöhnlich heiß, Dürre macht
die Verpflegung schwierig, da sie auf milde Gaben angewiesen sind. Viele sterben
unterwegs, andere kehren um. Schließlich erreichen sie Marseille. Dort
finden sie in Häusern Unterkunft, andere auf der Straße. Am nächsten
Morgen ziehen sie zum Hafen, um zu sehen, wie sich das Meer vor ihnen teilen
soll. Als dies nicht geschieht, kehren einige um. Sie warten einige Tage,
bis zwei Marseiller Kaufleute, genannt Hugo der Eiserne und Wilhelm das Schwein
sich anbieten, ihnen Schiffe zur Verfügung zu stellen und sie kostenlos
"zum Ruhm Gottes" nach Palästina zu verschiffen. Stephan nimmt
dieses Angebot eilfertig an. Es werden sieben Schiffe gemietet und die Kinder
stechen in See. Erst 18 Jahre später hört man wieder etwas von ihnen.
(Siehe 1230) Unterdessen hat sich auch in Deutschland ein Kinderkreuzzug gesammelt.
Im Rheinland prdigt ein Knabe namens Nikolaus das gleiche, will jedoch die
Ungläubigen nicht bekämpfen, sondern bekehren. Die deutschen Kinder
sind offenbar etwas älter als die französischen und es sollen sich
auch mehr Mädchen darunter befunden haben. Runciman: "Es hatten
sich auch eine größere Gruppe von Knaben aus Adelsfamilien sowie
eine Anzahl verrufener Landstreicher und käuflicher Weiber zu ihnen gesellt."
(Kreuzz. 919) Sie teilen sich in zwei Gruppen. Die erste unter Nikolaus selbst,
die 20000 gezählt haben soll, zieht über Basel und Genf und überquert
beim Mont-Cenis-Paß die Alpen nach Genua. Die zweite Gruppe zieht über
den St. Gotthard nach Ancona. August: Die erste Gruppe des deutschen Kinderkreuzzuges
erreicht Genua, wo sie für eine Nacht um Unterkunft bitten. Von denen,
die aufgebrochen sind, ist weniger als ein Drittel übrig. Die Genueser
sind ihnen zunächst geneigt, argwöhnen dann aber eine deutsche Verschwörung.
Sie erlauben ihren Aufenthalt für eine Nacht, aber alle, die wünschten,
sich dauernd in Genua niederzulassen, werden aufgefordert, dies zu tun. Als
das Meer sich am nächsten Morgen weigert, auszutrocknen, werden viele
tatsächlich Bürger von Genua. Mehrere große Familien Genuas
behaupten später, von ihnen abzustammen. Nikolaus zieht mit der Mehrzahl
weiter nach Pisa. Dort nehmen zwei Schiffe, die nach Palästina unterwegs
sind, einige von ihnen mit, doch ist deren weiterer Verbleib nicht bekannt.
Nikolaus, der immer noch an ein Wunder glaubt, zieht mit dem Rest nach Rom,
wo sie vom Papst empfangen werden. Dieser erklärt ihnen, daß sie
jetzt heimkehren müßten und daß sie, sobald sie erwachsen
seinen, ihr Gelübde erfüllen könnten. Über ihre Rückreise
ist wenig bekannt. Viele, vor allem die Mädchen, bleiben in Italien zurück.
Die zweite Gruppe ist inzwischen über Ancona, wo das Meer auch nicht
hat austrocknen wollen, nach Brindisi gezogen. Einige finden dort Schiffe
nach Palästina, die übrigen kehren um. "Kaiser Otto kehrte
aus Apulien und Italien in die deutschen Länder zurück und hielt
zu Frankfurt einen Hoftag. Und um die Erntezeit machte er mit gesammeltem
Heere einen Feldzug nach Thüringen wider seinen Gegner, den Landgrafen
Hermann. Daselbst eroberte und zerstörte er auch zwei ziemlich feste
Burgen, nämlich Rotenberch und Salzungen. Und von da zog er weiter und
belagerte Weißensee, welches er bis auf die Burg gleichfalls einnahm.
Daselbst kam zum ersten Male das Kriegsinstrument, welches man gewöhnlich
"Tribock" nennt, in Gebrauch. Zur selben Zeit wurde eine alberne
Heerfahrt unternommen von Kindern und Unbesonnenen, welche ohne einige Überlegung
das Kreuz nahmen, mehr aus Neugierde als ihres Heiles wegen. Es zogen aber
Kinder beiderlei Geschlechtes, Knaben und Mädchen, nicht nur Kleinere,
sondern auch Erwachsene, Verheiratete und Jungfrauen mit leerem Geldsack nicht
nur durch ganz Deutschland, sondern auch durch Teile von Gallien und Burgund.
Und von Eltern und Freunden ließen sie sich in keiner Weise abhalten,
mit allem Eifer diese Heerfahrt zu machen, so zwar, daß sie hier und
da in Dörfern und auf dem Felde mit Zurücklassung ihres Arbeitsgerätes
und dessen, was sie gerade unter Händen hatten, den Vorüberziehenden
sich anschlossen. Und wie wir so Ungewöhnlichem oft gerne unser Zutrauen
schenken, so meinten viele, dies geschähe nicht aus Leichtsinn, sondern
auf göttliche Eingebung und aus einer gewissen Frömmigkeit, weshalb
sie ihnen auch auf eigene Kosten Lebensmittel und was sie nötig hatten,
darreichten. Den Geistlichen aber und anderen vernünftigeren Sinnes,
welche widersprachen und diesen Zug für eitel und unnütz erklärten,
leisteten die Laien heftigen Widerstand, indem sie behaupteten, die Geistlichen
wären ungläubig und widersetzten sich diesem Unternehmen mehr aus
Neid und Geiz als um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen. Da aber kein Unternehmen,
welches unvernünftiger und unüberlegter Weise begonnen wird, einen
guten Ausgang hat, so verbreitete und zerstreute sich diese törichte
Menge, in Italien angekommen, in größere und kleinere Städte
und wurden viele derselben von den Bewohnern des Landes als Knechte und Mägde
zurückbehalten. Andere sollen ans Meer gekommen sein, wo sie von den
Schiffern und Seeleuten getäuscht und nach entlegenen Weltgegenden übergefahren
wurden. Die Übrigen gelangten nach Rom, und als sie sahen, daß
sie keinen Erfolg hätten, weil sie ohne alle Vollmacht waren, erkannten
sie endlich ihre Bemühungen als albern und vergeblich, wurden aber vom
Kreuzgelübde durchaus nicht losgesprochen mit Ausnahme der Knaben, welche
die Jahre der Einsicht noch nicht erreicht, und jener, welche das Alter niederbeugte.
So traten sie also getäuscht und beschämt den Rückweg an und
diejenigen, welche vorher geschart und in Streithaufen und immer unter Absingung
des Celeuma das Land zu durchziehen pflegten, kehrten jetzt einzeln und im
stillen, barfuß und hungernd zurück und wurden allen zum Gelächter,
weil sehr viele Jungfrauen geraubt waren und die Blüte ihrer Jungfrauschaft
verloren hatten." [Marbacher Chronik]
"Ungefähr drei Jahre vor diesem Concil wurden auf Anordnung Gottes,
welcher der wahre Weingärtner ist, einige unfruchtbare Reben von der
Kirche Gottes weggenommen und die listigen Füchse, welche den Weinberg
des Herrn verwüsten, aus ihren Höhlen gezogen; es wurden nämlich
zu Straßburg die Ketzer ergriffen, welche insgeheim die Getreuen der
Kirche durch verkehrte Lehren verführten. Als sie aber vorgeführt
wurden und ihre Ketzerei leugneten, wurden sie nach angestellter Probe des
glühenden Eisens verwahrt, ihre Zahl aber betrug achtzig und darüber
von beiden Geschlechtern. Wenige von ihnen erschienen unschuldig, alle Übrigen
wurden vor der Kirche überführt, da ihre Hände verbrannt waren,
verurteilt und gingen im Feuer zu Grunde." [Marbacher Annalen]
1213
Die Stedinger erleiden eine erste Niederlage gegen die Grafen von Hoya. Dies
nutzt der vertriebene Erzbischof Gerhard von Bremen, um beim heutigen Delmenhorst
die Zwingburg Schlütterberg zu errichten, womit er den südöstlichen
Zugang zum Stedingerland kontrolliert. Frühjahr: Wenige Versprengte des
deutschen Kinderkreuzzuges kehren in ihre Heimat zurück. Nikolaus ist
wahrscheinlich nicht unter ihnen. Die zornigen Eltern, deren Kinder umgekommen
sind, bestehen auf der Verhaftung seines Vaters, der ihn offenbar aus Ruhmsucht
ermuntert hatte. Er wird ergriffen und gehängt. Es stirbt die später
seliggesprochene Maria von Oignies. Bei ihr taucht erstmals der Phänomen
der Stigmatisation auf, die Manifestation der meist blutenden Wundmale Christi
am Körper. In diesem ersten Fall handelt es sich um gezielte Selbstverletzungen.
Solch erzwungene "Imitatio Christi" ward nie vor dem Hochmittelalter
gesucht. (Vgl. 1222). Albigenserkriege: Simon von Montfort besiegt bei Muret
Raimund VI. von Toulouse und dessen Schwager Peter II. von Aragon. Der Papst,
einen neuen Kreuzzug im Schilde führend, schickt seinen Legaten Robert
von Courçon durch Frankreich mit dem Auftrag, die Eignung aller jener,
die das Kreuz nehmen wollten, nicht allzu sorgfältig zu prüfen.
Bald beklagen sich französische Barone, daß ihre Lehnsleute von
den Predigern des Legaten von ihren Lehnseiden entbunden würden und daß
eine haarsträubende Heerschar von alten Männern und Kindern, Aussätzigen,
Krüppeln und übelbeleumdeten Weibern zusammengetrommelt worden sei,
um den heiligen Krieg zu führen. Der Papst muß Robert zügeln.
Friedrich II. verzichtet auf die Mitwirkung bei Bischofswahlen und bei der
Entscheidung über zwiespältige Wahlen. In einer Adelsverschwörung
in Ungarn wird Königin Gertrud von Andechs-Meranien (Mutter der Hl. Elisabeth
von Thüringen) ermordet.
1214
In einer Urkunde wird München erstmals als Stadt bezeichnet. Das zweite
Straßburger Stadtrecht gestattet nur den männlichen Spielleuten
das Aufspielen bei Hochzeiten. Im Streit zwischen Bischof und Bürgern
von Straßburg wird angeordnet, daß niemand dort einen Rat (consilium)
einrichten dürfe oder irgendein weltliches Gericht haben dürfe außer
mit Zustimmung des Bischofs. In der Schlacht von Bouvines wird Otto IV., im
Bunde mit dem König von England und zahlreichen Fürsten, von den
Franzosen besiegt. Otto hat hier auch Söldner eingesetzt. Söldner
werden in diesen Jahrzehnten allgemein als Brabanzonen bezeichnet. Sie werden
bald gesellschaftlich integriert, ihre Anführer werden zu Vasallen ihrer
Auftraggeber. Im Reich gewinnen die Staufer wieder die Oberhand. Friedrich
II. tritt das deutsche Gebiet nördlich der Elbe an das mit ihm gegen
die Welfen verbündete Dänemark ab. Hamburg erhält einen dänischen
Statthalter.
1215
In Aachen wird ein eigenes Gerichtshaus erwähnt. 4. Laterankonzil: Einführung
der bischöflichen Inquisition. Den Geistlichen wird verboten, bei Feuer-
oder Wasserproben mitzuwirken sowie ärztliche Tätigkeit. Jeder Christ
muß einmal jährlich die Ohrenbeichte ablegen. Die Bußpraxis
wird institutionalisiert. Es wird verboten, Reliquien außerhalb der
Schreine zu zeigen (vergeblich). Die Ehe wird als Sakrament bestätigt
(vgl. 1140). Die Ehe bei Blutsverwandtschaft bis zum vierten Grad der Seitenlinie,
bei Verschwägerung und bei geistlicher Verwandtschaft wird verboten.
Das Verbot von Turnieren wird auf die drei Jahre Vorbereitungszeit vor einem
Kreuzzug beschränkt. (Dies ist wohl speziell auf den kommenden Kreuzzug
gemünzt.) Der Kreuzzug soll sich auch gegen gewisse Horden von Söldnern
richten. Ämterverbot und Kleiderordnung für Juden. Juden und Sarazenen
müssen sich durch ihre Kleidung von den Christen unterscheiden. Es werden
auch die Zustände in den Klöstern angeprangert: Nächtliche
Gelage, Vergnügungen und Spiele sowie die Begeisterung für die Darbietungen
der mimi, histriones und joculatori (Spielleute etc.) würden die Geistlichen
von ihren Tagespflichten abhalten. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen,
daß Mönche nicht saufen, fressen und dabei noch Lieder und Geschichten
von Fahrenden anhören sollen. Die Kompetenz der Bischöfe bei der
Ablaßgewährung wird eingeschränkt. Johann I. von England muß
in Runnymede bei Windsor die "Magna Charta libertatum" gewähren:
Der König wird an das "alte Recht" gebunden und muß die
Rechte der Barone verbriefen (feudales Widerstandsrecht). König Johann
ohne Land (der böse King John der Robin Hood-Filme) wird auch gezwungen,
sein Söldnerheer ("milites stipendiarios") zu entlassen. Sie
wird die "Bibel der Verfassung". Der Papst wettert dagegen, weil
England dadurch jener ausländischen und feudalen Gewalt entzogen wird,
die das Papsttum verewigen will.
Ca.: Der Stricker verfaßt auf der Grundlage von Konrads Rolandslied
den "Karl", wobei Karl der Große als Kaiser des Römischen
Reiches gesehen wird, welcher den Deutschen das Recht überträgt,
künftig aus ihren Reihen in Aachen den neuen Kaiser zu wählen.
Ca.: Rudolf von Ems verfaßt den "Guten Gerhard", wo erstmals
ein Kaufmann im Mittelpunkt einer Dichtung steht. Ein Bürger von Arras
baut sich als einer der ersten weltlichen Städter ein Haus aus Stein.
Der Abt von Saint-Vaast hetzt die Bevölkerung gegen diesen Frevler auf
und das Haus wird in Brand gesteckt. In Ägypten befinden sich in diesem
Jahr nicht weniger als 3000 europäische Kaufleute. Als zwei solche Handelsherren
plötzlich mit einer Schar Bewaffneter in Alexandria eintreffen, geraten
die Behörden in Schreck und lassen die gesamte europäische Kolonie
vorübergehend in Haft nehmen.
1216
Dresden ist als Stadt bezeugt. Dominikus von Caleruega (Domingo de Guzmán)
gründet den Orden der Dominikaner. Seine Hauptaufgabe ist die Wanderpredigt
und das Vorgehen gegen die Ketzer (zunächst gegen die Katharer und ursprünglich
nur mit der Macht des Wortes). Köln erhält einen Rat. Hamburg, bisher
in Altstadt und Neustadt getrennt (und immer noch unter dänischer Besatzung)
hat nun nur noch einen Rat, ein Rathaus und ein Gericht mit eigener Rechtsprechung.
Es wird überall der 5. Kreuzzug gepredigt. Der Papst hat bereits festgestellt,
daß die 666 Jahre, die in der Offenbarung des Johannes dem Antichristen
zugewiesen seien, nahezu vorüber wären - damit meint er die Zeit
seit der Geburt Mohammeds. Er hat auch schon an Sultan el-Adil geschrieben,
ihn vor dem heraufkommenden "Zorn Gottes" gewarnt und ihn dringlichst
aufgefordert, Jerusalem friedlich abzutreten, solange noch Zeit sei. Seine
Zuversicht ist voreilg, denn obwohl das ärmere Volk begeisterungsfähig
ist, bleibt der Adel wenig motiviert, besonders die Herzöge von Burgund
und Lothringen.
16. Juli: In Perugia stirbt Papst Innozenz III.
18. Juli: Kardinal Savelli wird als Honorius III. zum Papst gewählt.
Todesursachen: König Johann I. Ohneland von England [der Bösewicht
der obin-Hood-Filme] stirbt auf Burg Newark, wie es heißt, am übermäßigen
Genuß von Pfirsischen und jungem Apfelwein. Für etwa 25 Jahre herrscht
in der päpstlichen Kanzlei als Jahresanfang der 25. Dezember vor.
1217
Es stirbt Landgraf Hermann I. von Thüringen, welcher den Wolfram von
Eschenbach beauftragt hat, den "Willehalm" zu verfassen, der demnach
ungefähr zu dieser Zeit entstanden sein muß. Vorbild ist das französische
Epos "Aliscans". Der Willehalm wird einer der beliebtesten Romane
des deutschen Mittelalters. Er ist von religiöser Toleranz geprägt.
Walther von der Vogelweide wechselt zur Partei Friedrichs II. Der fünfte
Kreuzzug beginnt. König Philipp August von Frankreich gestattet dem Kathedralkapitel
von Le Mans (das vor 13 Jahren an die französische Krone gefallen ist),
die Stadtmauer an einer Stelle abzureißen, um an dieser Stelle einen
umfangreichen neuen Chor für die Kathedrale zu errichten. Es sind wegen
abfallendem Gelände dort zunächst aufwendige Fundamentierungsarbeiten
nötig. Der Chor wird nach Jahren fertig sein.
Ca.: Die Burg von Lübeck wird in die neue Stadtmauer miteinbezogen, was
sie jedoch nicht vor der Zerstörung durch die Lübecker neun Jahre
später schützen wird.
1218
In Würzburg ist als "Thol" des Dietrichspitals eine unterirdische
steinerne Wasserleitung bezeugt - eine große Ausnahme. Erneut bezeugt
1225/1226. Es wird in Paris, insbesondere für die Studenten an der Sorbonne
ein Edikt erlassen, welches ausdrücklich Meuchelmord, Straßenraub,
Einbruch in Häuser, Ehebruch und die Entführung und Schändung
von Jungfrauen verbietet. Otto IV. (43) stirbt. König wird Friedrich
II. (24). Aussterben der Zähringer. Unter Friedrich II. tritt häufiger
als Jahresanfang der 25. März auf, in diesem Jahr sogar nach Pisaner
Gebrauch. (In Pisa beginnt das Jahr am 25. März vor unserer Zählung!)
Der König entscheidet im Streit zwischen Bischof und Bürgern von
Basel (auf Vorschlag des Erzbischofs von Trier und mit Zustimmung der übrigen
Fürsten), daß er in Basel ohne Zustimmung des dortigen Bischofs
einen Rat weder gewähren noch einrichten könne.
1219
Der Jadebusen bricht ein. In Mainz werden Ratsherren (consiliarii) erwähnt.
Papst Honorius III. verbietet der Pariser Universität den Unterricht
im zivilen (d.h. römischen) Recht (vermutlich auf Betreiben des französischen
Königs, dem die Lehre des kaiserlichen Rechts in seinem Lande nicht recht
ist). Franz von Assisi besucht Akkon und gründet dort ein Franziskanerkloster,
das vor allem asiatische Sprachen lehrt und zu einem Seminar für die
Ausbildung von Missionaren und Predigern von ganz Asien wird. Bis 1223: Caesarius
von Heisterbach verfaßt den "Dialogus miraculorum", eine Kompilation
von Mirakeln, Exempeln und Erzählungen in zwölf Distinctiones mit
insgesamt 746 Kapiteln.
1220
Nach einem Reichsgesetz verfällt derjenige, welcher länger als sechs
Wochen im Kirchenbann steht, zusätzlich der Reichsacht, die nicht früher
als der Kirchenbann aufgehoben werden kann. Wer mit einem Geächteten
weiter verkehrt, verfällt selber der Acht. Friedrich II. versucht, das
Strandrecht abzuschaffen. 5. August: Gelnhausen erhält einen ersten Markt,
indem der Köbeler Markt (von Marköbel alias Kebela) dorthin verlegt
wird. Er heißt noch eine Weile Köbeler Markt, später Michaelismarkt.
Dortmund wird freie Reichsstadt. In Zürich werden Ratsherren (consiliarii)
erwähnt. Baubeginn der neuen (gotischen) Kathedrale von Amiens, nachdem
die alte Kathedrale (1152 geweiht) abgebrannt ist. Der erste Baumeister ist
Robert de Luzarches. Sein Werk wird größer als die Kathedralen
von Chartres und Reims, weil er deren enorme Pfeilermassen nicht imitiert.
Bis 1288 wird der Bau zügig realisiert, obwohl beim Baubeginn nicht die
volle Baufläche zur Verfügung steht: Am Platz der alten Kathedrale
befindet sich nur das neue Langhaus, während im Bereich des künftigen
Chores noch die Stadtmauer verläuft und am Ort des Nordquerarms sich
die Kirche St. Firmin befindet. Im Westen steht noch das Johannes-Hospital.
Der Bau beginnt sozusagen in der Mitte der Kirche. Friedrich II. (26) trägt
anläßlich seiner Krönung zum Kaiser (November) das zu den
Reichsinsignien gehörende Zeremonialschwert. Griff und Scheide sind sizilianisch-sarazenische
Arbeit. Spätestens jetzt stirbt Wolfram von Eschenbach.
Stuttgart erhält Stadtrechte. Reutlingen erhält Stadtrechte. Bis
1240 wird eine Stadtmauer errichtet. Um Aachen entsteht das anonyme Epos "Karl
und Galie" über die sagenhafte Jugend Karls des Großen. (Später
erster Teil des Karlmeinet"). Snorri Sturluson verfaßt die Snorra-Edda.
Ca.: In Mainz tragen betuchte Frauen beim Kirchgang gern eine lange Schleppe
am Kleid, obwohl die Kirche gegen diesen "Pfauenschweif" eifert,
"dies sei der Tanzplatz der Teufelchen und Gott würde, falls die
Frauen solcher Schwänze bedurft hätten, sie wohl mit etwas der Art
versehen haben". Nach John of Garland gehören in England Spiegel
bereits zum gängigen Handelsgut: William, our neighbor, has in the market
these things before him to be sold: needles and needlecases, cleansing material
or soap, mirrors, razors, whetstones, fusils or fire-striking irons, and spindles."
[Holmes 1952, p 143]
Bis 1230 oder 1250: In dieser Zeit entsteht die Sammlung "Carmina burana"
(benannt nach dem Kloster Benediktbeuren, in dessen Besitz sich der Codex
von irgendwann bis 1803 befinden wird). Es handelt sich wahrscheinlich um
eine Auftragsarbeit, wohl aus der Steiermark, vielleicht vom Hofe des Bischofs
von Seckau. Die Handschrift ist in frühgotischer Minuskel geschrieben
und mit Miniaturen verziert. Der Inhalt ist in einzigarigtiger Weise (für
Sammelhandschriften) planvoll angelegt: Moralisch-satirische Dichtungen, Liebeslieder,
Trink- und Spielerlieder sowie geistliche Spiele. Möglicherweise gab
es noch eine Abteilung mit geistlicher Dichtung, aber die Sammlung enthält
Lücken. Es wird unbefangen mit den heidnischen Gestalten der antiken
Mythologie umgegangen und der ganze Sinn der Dichtungen ist aufs Diesseits
gerichtet, was einer gewohnten Vorstellung über diese Zeit widerspricht.
(Insbesondere aus der Interpretation der Baukunst nährt sich die Vorstellung,
die Menschen des Mittelalters seien völlig aufs Jenseits ausgerichtet
und in beständiger Angst um ihr Seelenheil gewesen. Dies ist ein Faktor,
der nicht einseitig verallgemeinert werden sollte.)
1221
Erste Erwähnung der herzoglichen Tuchhalle zu Brüssel.
1221/1230: In dieser Zeit findet sich der erste Nachweis für Androhung
und Anwendung körperlicher Zwangsmaßnahmen (Folter), und zwar in
österreichischen Stadtrechtsquellen. Dieses Recht der Wiener Neustadt,
das von gelehrten Vorstellungen beeinflußt worden ist, gilt vielfach
als ältester Hinweis für das selbständige Entstehen der Folter
im Reich. Es steht jedoch nicht zweifelsfrei fest, daß es wirklich bereits
in dieser Zeit entstanden ist.
1222
Beispiel für "Schutz" des Handels: Zwei Kaufleute aus Lille
an der Spitze eines Tuchtransports aus Lille, Ypern, Beauvais und Brügge
werden am Monte Surdoi bei Como ausgeraubt. Der Magistrat von Como entschädigt
sie mit 95 kaiserlichen Pfund. In Frankfurt ist eine Holzbrücke über
den Main bezeugt. In England wird ein Stigmatisierter (jemand, der die Wundmale
Christi trägt - vgl. 1213) als Betrüger hingerichtet. Der fünfte
Kreuzzug (nach westlicher Auffassung) endet ohne Erfolg. Nach anfänglichem
Reliquiensammeln in Palästina hat man planlos in Ägypten operiert
und muß sich am Ende zurückziehen. [Nach deutscher Auffassung findet
der fünfte Kreuzzug 1228 bis 1229 statt.] Es stirbt der Dichter Heinrich
von Morungen. In einer "Goldenen Bulle" erhält der ungarische
Adel (ähnlich wie in der englischen Magna Charta) das Recht zum bewaffneten
Widerstand gegen einen willkürlich regierenden Herrscher "ohne sich
des Treuebruchs schuldig zu machen". Später werden sich Aufstände
gegen die Habsburger darauf berufen.
Bis 1310: In Köln und seinen Suffraganen wird der Jahresanfang nun nach
dem Osterstil bestimmt: Das Jahr beginnt hier nicht mehr wie zuvor am 25.
Dezember, sondern am Karsamstag. "Vom Lande der Perser überschritt
ein sehr großes und starkes Heer die Grenzen und bahnte sich den Weg
durch die nächstgelegenen Länder. Es sollen Männer gewesen
sein von großer Körperlänge und schrecklichem Aussehen, was
wir aber nicht glauben. Warum sie übrigens ausgewandert sind, oder was
sie getan haben, wissen wir nicht. Indessen kehrten sie bald nach Hause zurück.
Einige sagten, sie hätten gen Köln ziehen und die aus ihrem Volke
stammenden drei Magier sich holen wollen. Nur das eine wissen wir, daß
das Volk der Juden über dieses Gerücht eine große Freude bezeigte
und sich lebhaft beglückwünschte, indem sie sich davon, ich weiß
nicht, was bezüglich einer bevorstehenden Befreiung versprachen, weshalb
sie auch den Anführer jener Menge den Sohn Davids nannten." [Marbacher
Annalen]
1223
Papst Honorius III. bestätigt den Orden der Franziskaner (Minoriten).
Der "Liber plegiorum" in Venedig ist seit diesem Jahr aus Papier.
"Unter dem Vieh und den Zugtieren brach eine heftige Seuche aus, welche,
wie man sagte, von Ungarn aus durch alle dazwischen liegende Länder bis
zu uns kam und länger als drei Jahre andauerte. Um dieselbe Zeit ereignete
sich eine Mondfinsternis gleich bei Beginn des Abends. In diesem Jahre starb
Heinrich, der Bischof von Straßburg, und folgte ihm Berthold."
[Marbacher Annalen]
Ludwig VIII. wird zum König von Frankreich gekrönt - in der Baustelle
der Kathedrale von Reims
1224
Das Generalkapitel der Zisterzienser erlaubt die Verpachtung aller Ökonomien
des Ordens gegen Zins. Eine Geschichte aus England (Quellenlage und Wahrheitsgehalt
nicht bekannt): Zwei predigende Franziskaner verirren sich im Gewitter in
einem großen Wald bei Oxford und finden eine Einsiedelei der Benediktiner.
Da man die zerlumpten Gestalten dort für Spielleute hält, werden
sie gastlich aufgenommen, doch als die Benediktiner erfahren, wer sie wirklich
sind, werfen sie sie mit Fußtritten und Faustschlägen wieder hinaus
ins Unwetter. Nach einigen Varianten der Erzählung sollen sie am Ende
noch durch Fürsprache eines jungen Benediktiners Zuflucht im Heustadel
erhalten haben. Friedrich II. ordnet für die Lombardei an, daß
alle von Bischöfen überführten Häretiker von der weltlichen
Obrigkeit festzunehmen und zu verbrennen seien. Selbstregierung der nach Siebenbürgen
eingewanderten "Sachsen".
1225
Basel baut eine Rheinbrücke (erste Jochbrücke über den Rhein
im Mittelalter). Die Franziskaner kommen nach Lübeck, wo übrigens
dieses Jahr die dänische Besatzung abzieht. Antwerpen ersetzt seine Holz-Erde-Umwallung
durch eine steinerne Befestigungsmauer. Beispiel für Turnierpreise: In
Siena erhält der Sieger "ein sehr schnelles, mit einer seidenen
Schabracke bedecktes und einem stählernen Panzer versehenes Streitroß",
der Zweite einen Helm und der Dritte ein Schwert. In Colmar werden Ratsherren
(consiliarii) erwähnt. "Zur selben Zeit war in Sens, einer Stadt
Galliens, ein Schulknabe namens Johannes, dessen Alter damals auf nicht mehr
als sechs Jahre geschätzt wurde, und welcher ein so großes Talent
und solche Kenntnisse gehabt haben soll, daß sich niemand erinnern konnte,
ähnliches von einem so kleinen Knaben gehört zu haben. Im gleichen
Jahre wurde der ehrwürdige Engelbert, Erzbischof von Köln, von einem
gewissen Grafen Friderich von Isinburch, seinem Blutsverwandten, meuchlings
ermordet. Der Mörder aber wurde später von den Bürgern von
Köln ergriffen und mit Räderung bestraft. In diesem Jahre ereignete
sich am ersten Oktober, einem Mittwoch, gegen Abend ein Erdbeben." [Marbacher
Annalen]
Seit 1200 hat Rouen sechs Brände gesehen.
Ca.: Entstehung der anonymen Epen "Ortnit" und "Wolfdietrich"
im bayerisch-oberdeutschen Raum.
Ca.: Im Burgenbau erlebt die Verwendung von Schildmauern ihren Höhepunkt.
Eine Schildmauer ist eine besonders hohe und dicke Mauer, die eine Seite der
Burg wie ein Schild schützt. Burgen mit solchen Schildmauern sind relativ
selten und meist ohne Hauptturm. Ihr Schwerpunkt liegt in Südwestdeutschland.
1226
Basel vollendet seine erste (hölzerne) Rheinbrücke. Im gleiche Jahr
erhält die Stadt ihre erste Zunft, nämlich die der Kürschner.
In Überlingen gibt es eine Judengemeinde. Ludwig VIII. von Frankreich
erläßt Statuten für die Leprösenhospitäler. Die
Zahl der Aussätzigen in Frankreich wird in diesem Jahr auf etwa 2000
geschätzt. Ludwig IX. wird zum König von Frankreich gekrönt
- in der Baustelle der Kathedrale von Reims. Beauvais, eine der reichsten
Städte Frankreichs, beginnt mit dem Bau einer Kathedrale. Es wird eine
der anspruchvollsten gotischen Kathedralen werden, denn Beauvais ist eine
der reichsten Städte Frankreichs. Friedrich II. besiegt die Dänen.
Franz von Assisi stirbt.
1227
Das Konzil von Trier verbietet den Mönchen und Nonnen, Mäntel aus
schwarzem oder purpurnem Brunat, Pelze aus Buntwerk o.ä. zu tragen; Nonnen
dürfen keine enganliegenden oder angenähten Ärmel und keine
Halsketten, Spangen, goldenen oder silbernen Ringe, Goldfransen, seidenen
Gürtel und anderen weltlichen Schmuck tragen. Ulrich von Lichtenstein
zieht, als "Frau Venus" verkleidet im Minnedienst von Friaul über
Wien nach Böhmen. Dazu läßt er sich zu zwölf Frauengewändern
30 Paar Ärmel nähen, denn es ist derzeit üblich, an Frauengewändern
auswechselbare Ärmel zu tragen, welche angenestelt oder -geknöpft
werden. Beschreibung eines Bades ("wazzerbat") auf Ulrich von Lichtensteins
"Venusfahrt": Das Bad findet im Freien statt und wird durch Bader
besorgt. Er und die Wasseroberfläche werden mit Rosen bestreut. Nach
dem Bad wird ihm vom Kämmerer das Badegewand gereicht. Über die
Femegerichte: Die Freischöffen (die nur noch teilweise aus Freien bestehen)
werden erstmals als "vemenoten" (Femegenossen) bezeichnet. Die Feme
ist wahrscheinlich zwischen Rhein und Weser auf der Grundlage der westfälischen
Freigerichte (die ihrerseits aus karolingischen Grafengerichten erwachsen
waren) entstanden. Die Femegerichte finden im Spätmittelalter weite Verbreitung.
Jeder Femegenosse ist verpflichtet, in seinem Freigericht oder Freistuhl alle
der Feme zugehörigen Taten zu rügen (Mord, Raub, Brand, Diebstahl,
Eidbruch, rechtsverweigerung u. ä.), ohne daß es einer Klage bedarf.
Der Beschuldigte wird dann vorgeladen. Erscheint er nicht, wird er verfemt
(geächtet). Die Freischöffen dürfen ihn dann ohne weiteres
überall, wo sie ihn antreffen, hängen. Über den Ablauf der
Verhandlung ist wenig bekannt. Das Urteil lautet Tod durch den Weidenstrang
oder Freispruch. Die Femegerichte verbreiten 22. Juli: Bei Bornhöved
(östlich von Neumünster) besiegt ein deutsches Koalitionsheer die
Dänen vernichtend. Die dänische Herrschaft über Hamburg endet.
Die Stadt erhält in diesem Jahr ihr erstes Kloster (Franziskaner). Die
Dominikaner kommen nach Lübeck. Sie erhalten ein Grundstück im Burgbereich.
Lübeck erhält Reichsfreiheit. In Lübeck wird ein "Liber
civitatis" (Stadtbuch) geführt. In Mülhausen werden Ratsherren
(consiliarii) erwähnt. Friedrich II. will zum Kreuzzug aufbrechen, muß
wegen Krankheit aber in Italien bleiben und wird von Papst Gregor gebannt,
der ihm dies wohl nicht glaubt.
Ca.: Die "Annales Januenses" belegen die Verwendung von Wurfmaschinen
zur Verteidigung von Burgen.
1228
Eine Charta Friedrichs II. für die Nonnen von Goess in der Steiermark
ist die älteste kaiserliche Urkunde auf Papier. Friedrich II. fährt
nach Akkon und erhält per Vertrag mit Sultan el-Kamil von Ägypten
Jerusalem, Bethlehem und Nazareth. [Dies ist der fünfte Kreuzzug nach
deutscher Auffassung.] Von el-Kamil erhält er (möglicherweise etwas
später) einen Elefanten als Geschenk. Dieser wird dann (speziell in Italien)
bei wichtigen Anlässen mitgeführt. Der Elefant trägt einen
Turmaufbau, in welchem sich ein Trompeter befindet. Das Tier lebt noch zwanzig
Jahre. (Karl der Große, der zuletzt als ein westlicher Kaiser einen
Elefanten besaß, hatte den seinen nur zwei Jahre lang.) Xanten erhält
vom Kölner Erzbischof Stadtrechte. Das Recht auf eine Stadtmauer ist
damit aber nicht verbunden. Die Stadt hat nur Wall und Graben. Rees erhält
Stadt- und Befestigungsrechte, wodurch der Erzbischof von Köln sein Einflußgebiet
weiter rheinabwärts ausdehnt (1392 an Kleve). In Hamburg und Stralsund
werden Schuldbücher geführt, eine Abart der Stadtbücher.
1229
Zu Magdeburg veranstalten die Geschlechter an Pfingsten ein Turnier, dessen
Turnierdank aus einem schönen Mädchen namens Sofia besteht. Ein
alter Kaufherr aus Goslar gewinnt diese Maid und verschafft ihr eine Aussteuer.
Geldern erhält Stadtrechte (oder 1230). Erzbischof Gerhard II. von Bremen
fällt - ohne Erfolg - ins Gebiet der Stedinger ein. Um seine 220 Panzerreiter
wirkungsvoll einzusetzen, hat er zum Angriff den Winter gewählt, aber
der sumpfige Boden ist nicht so fest gefroren wie erwartet und die bischöflichen
Truppen bieten ein gutes Ziel für die Bogen- und Armbrustschützen
der Stedinger. Bei der Verfolgung der Flüchtenden bringen die Stedinger
kurzfristig weite Gebiete des Bremerlandes unter ihre Kontrolle, wobei u.a.
die Burg Schlütterberg und das Kloster Hude zerstört werden. "Im
selben Jahre wurde von einem Magister zu Toledo, welcher Andreas hieß,
vorausgesagt, und von Einigen von den Dächern verkündet, daß
nach sieben Jahren sehr heftige Wirbelwinde kommen und jegliches Gebäude
zerstören und umwerfen würden, viele Städte würden in
Folge von Erdbeben einstürzen, die Sonne zu jener Zeit verfinstert und
die Luft verschlechtert werden und dies Sterblichkeit und andere, den Menschen
unerhörte Uebel zur Folge haben." [Marbacher Annalen]
1230
Berlin wird zur Stadt erhoben. Die Florentiner veranstalten vor den Mauern
des belagerten Siena Wettläufe und/oder Pferderennen. In Rottweil und
in Winterthur ist ein Schultheiß bezeugt. In der Gegend von Mâcon
sind die Ritter von nun an gezwungen, ihr Erbe Stück für Stück
zu verkaufen. In Frankreich trifft ein Priester aus dem Osten ein, der erzählt,
er sei einer der jungen Geistlichen gewesen, die vor 18 Jahren den französischen
Kinderkreuzzug begleitet hatten. Nachdem sie sich eingeschifft hatten, seien
sie in schlechtes Wetter geraten und zwei der sieben Schiffe seien an der
Insel San Pietro an der Südwestecke Sardiniens zerschellt und alle Insassen
ertrunken. Die restlichen seien bald darauf von einem sarazenischen Geschwader
aus Afrika umzingelt worden und mußten erfahren, daß sie aufgrund
einer vorherigen Vereinbarung hierher gebracht worden seien, um sie in die
Sklaverei zu verkaufen. Sie wurden nach Bougie an der algerischen Küste
gebracht, wo viele direkt verkauft worden seien. Andere, darunter auch der
Priester, seien nach Ägypten verschifft worden, wo fränkische Sklaven
bessere Preise erzielten. Dort wurde der größte Teil vom Statthalter
gekauft, der sie auf seinen Feldern arbeiten ließ. Dem Priester zufolge
waren zu dieser Zeit noch 700 Kinder am Leben. Eine kleine Schar landete auf
dem Sklavenmarkt von Bagdad, wo 18 von ihnen umgebracht wurden, als sie sich
weigerten, zum Islam überzutreten. Der Priester und die wenigen anderen,
die lesen und schreiben konnten, landeten bei el-Kamil, dem Statthalter von
Ägypten und Sohn el-Adils, wo sie in relativ angenehmer Gefangenschaft
als Dolmetscher, Lehrer und Sekretäre arbeiteten. Eine spätere Geschichte
identifizierte die beiden Marseiller Kaufleute (Hugo der Eiserne und Wilhelm
das Schwein), die die Kinder in die Sklaverei verkauft hatten, mit zwei Handelsmännern,
die einige Jahre später wegen eines Versuches, Kaiser Friedrich im Auftrage
der Sarazenen zu entführen, gehängt wurden. König Andreas II.
von Ungarn verleiht dem Handelsort Pest das Stadtrecht. Er hat zuvor dort
die slawischen und bulgarischen Händler islamischen Glaubens vertrieben
und Deutsche nach Pest geholt. Am anderen Ufer der Donau liegt Ofen (Obuda,
Alt-Buda), das ebenfalls von Deutschen bewohnt ist. (In elf oder zwölf
Jahren werden beide Orte von den Mongolen dem Erdboden gleich gemacht werden.)
Ca.: Höhepunkt des Burgenbaus im Reich.
Ca.: Walther von der Vogelweide stirbt.
Ca.: Entstehung des anonymen Epos "Kudrun".
Ca.: Entstehung des ersten Teils des "Roman de la Rose" des Wilhelm
von Lorris (4000 Verse).
Ca.: Vermutliche Entstehung der isländischen "Egils saga Skallagrimsson",
eventuell durch Snorri Sturluson.
Ca.: Es stirbt der Rechtsgelehrte Azo, der sich um die Wiederentdeckung des
römischen Rechts verdient gemacht hat. Sein Werk "Summa in codicem"
wird für Jahrhunderte zu einem Standardwerk.
Bis 1235: Der Augsburger Adlige Ulrich von Türheim verfaßt eine
Fortsetzung des "Tristan" Gottfrieds von Straßburg (in sieben
Handschriften generell zusammen mit Gottfried überliefert). Seine Quelle
ist Eilharts "Tristrant". Im Gegensatz zu Gottfried wird hier wieder
religiös moralisiert.
Bis 1240: Die Brüder, die das Hospital von Amiens betreiben, wollen nicht
recht einsehen, daß es im Interesse der Stadt liegen soll, die Kathedrale
auf Kosten des benachbarten Hospitals zu erweitern. Dem stimmen sie schließlich
nur für eine stattliche Entschädigung und den Neubau ihres Hospitals
an einem großen Wasserlauf auf Kosten des Kapitels zu. Für einen
Zeitraum von fünf Jahren werden ihnen 100 Livres gewährt und es
wird ein vierköpfiger Ausschuß gebildet, um die Umzugskosten abzuschätzen.
Es müssen außerdem Maßnahmen ergriffen werden, um Schlägereien
zwischen den Brüdern, die für den Umzug sind und jenen, die an Ort
und Stelle bleiben wollen, zu verhindern.
Bis 1250: Der Denar aus Tours (Tournois) hat nur noch 0,35 Gramm Feinsilber.
Die ursprünglich hellen Münzen sind mittlerweile schwarz geworden.
Seit der Karolingerzeit hat die Inflation 83% des Denars aufgefressen.
1231
Tübingen wird erstmals als Stadt (civitas) bezeichnet. Friedrich II.
erläßt die Konstitutionen von Melfi, das erste "staatliche"
Gesetzbuch des Mittelalters. Hier wird die Folter gegen Ketzer zugelassen.
Aus der Präambel: "...weil das Übel der Sünde von den
Vätern auf sie fortgepflanzt war, faßten sie (die Menschen) gegeneinander
Haß, veränderten den nach natürlichem Recht gemeinsamen Besitz
der Dinge, und der Mensch, den Gott aufrecht und einfach geschaffen hatte,
scheute sich nicht, sich in Streitigkeiten zu verstricken. Und so unter dem
Zwang der Dinge selbst und nicht minder auf Antrieb der göttlichen Vorsehung
wurden die Fürsten der Völker gewählt, damit durch sie die
Freiheit zu Verbrechen eingeschränkt werden könne; sie sollten als
Richter über Leben und Tod den Völkern das ihnen gebührende
Schicksal, Los und Leben gleichsam als Vollstrecker der göttlichen Vorsehung
begründen. Damit sie über die ihnen anvertraute Verwaltung vollauf
Rechenschaft ablegen könnten, wird vom König der Könige und
vom Fürsten der Fürsten von ihren Händen vor allem verlangt,
daß sie die hochheilige Kirche, die Mutter des christlichen Glaubens,
nicht durch die geheimen Herabsetzer der Religion beflecken lassen und sie
vor den Einfällen der öffentlichen Feinde durch die Macht des weltlichen
Schwertes schützen, daß sie den Völkern den Frieden und, sobald
sie befriedet sind, die Gerechtigkeit nach Vermögen bewahren, da diese
beiden sich wie zwei Geschwister gegenseitig umschlingen." Friedrich
II. verbietet den Gebrauch von Papier für für die amtlichen Akten
seiner Kanzlei. Friedrich II. erklärt alle städtischen Einrichtungen
(comunia, consilia, magistri civium, rectores, officiales), die von der Gesamtheit
der Bürger (universitas civium) ohne Einwilligung der jeweiligen Bischöfe
geschaffen worden sind, für ungültig, auch Städtebünde.
Die Dominikaner werden als Orden von Papst Gregor IX. mit der Inquisition
beauftragt. (Zuweilen werden auch Franziskaner ernannt.) Die Inquisitoren
haben die Verdächtigen aufzufordern, sich innerhalb von 14 bis 40 Tagen
freiwillig zu stellen. Danach werden Anzeigen anderer entgegengenommen. Dabei
genügen zwei anonym bleibende Ankläger, um jemanden für schuldig
zu erweisen. Gesteht der Angeklagte, werden ihm Bußen auferlegt. Erst
wenn er hartnäckig bleibt, wird er der weltlichen Gewalt zur Verbrennung
übergeben. Wilhelm von Auvergne wird Bischof von Paris (bis 1236). Während
seiner Amtszeit verfaßt er ein Werk namens "De universeo creaturarum,"
in welchem er die Bewegung der himmlischen Sphären durch magnetische
Induktion erklärt, der Fähigkeit eines Magneten, ein Stück
Eisen zu magnetisieren. Auf einer Bremer Synode werden die Stedinger zu Ketzern
erklärt. Bald (1233) werden haarsträubende Schauergeschichten über
sie berichtet (von einer Art Hexensabbath als "Aufnahmezeremonie").
Es stirbt der Hl. Antonius von Padua (von Franz von Assisi als "Rindvieh"
tituliert), der als Urheber der Geißelprozessionen gilt. "Im gleichen
Jahre wurde Luodewig, der Herzog von Bayern, ermordet. Er wurde aber durchstochen
mit einem vorne geschliffenen Messer, das man Dolch nennen kann, von einem,
wie man sagte, schlechten und unbekannten Manne, wie sie ein gewisser Mächtiger,
welchen man gewöhnlich den Alten vom Berge nennt, zu schicken pflegt.
Der Mörder wurde ergriffen und vielfach gefoltert, um ihn zum Bekenntnis
zu zwingen, auf wessen Eingebung oder Befehl er eine so schwere Missetat zu
unternehmen gewagt hätte; man konnte aber nichts aus ihm herausbringen
und so starb er, an allen Gliedern zerfleischt und auseinandergezerrt."
[Marbacher Annalen]
1232
"Zur selben Zeit herrschte während des ganzen Juli und August fortwährende
Trockenheit und große Hitze, so daß in sandigen Gegenden Eier,
in den zusammengescharrten Sand gesteckt, nach kurzer Zeit gebraten herausgenommen
wurden." [Marbacher Annalen]
Rheinberg erhält Stadtrechte. Im "Statutum in favorem principum"
setzen sich die Landesherren gegenüber dem König durch, der sich
verpflichten muß, keine neuen Märkte zu errichten, wenn diese die
alten behindern. Mai: Friedrich II. wendet sich unter Berufung auf seine allgemeine
Anordnung vom Vorjahr gegen den Rat von Worms, welcher der Stadt am 17. März
durch Heinrich VII. gewährt worden war. Friedrich gestattet dem Bischof
von Worms, das Rathaus (domus quae vocabatur communitatis) völlig niederzureißen.
Ende des Jahres werden die Stedinger in Acht und Bann getan. Ihre Verbündeten
wenden sich von ihnen ab. Der Bischof von Braga erhält die Vollmacht,
für 1746 illegitime Kleriker (von unehelicher Geburt bzw. Kinder von
Klerikern) Dispens zu erteilen. Diese hohe Zahl ist eine Ausnahme, da normalerweise
die Dispens auf 20 Personen beschränkt ist. Hubert de Burgh wird angeklagt,
aus dem Schatz des Königs von Frankreich einen Edelstein entwendet zu
haben, der angeblich unbesiegbar macht, und diesen einem Feind des Königs
geschenkt zu haben. Für den Besuch des englischen Königs wird in
Oxford hastig eine improvisierte Küche errichtet, die dann von einem
heftigen Sturmwind fortgerissen wird. Friedrich II. ordnet für das ganze
Reich an, daß alle von Bischöfen überführten Häretiker
von der weltlichen Obrigkeit festzunehmen, einem kirchlichen Gericht zu übergeben
und öffentlich zu verbrennen seien. Neues aus China: In der Schlacht
von Pien-king tauchen auf chinesischer Seite erstmalig Pfeile auf, die mittels
eines salpeterhaltigen Brandsatzes abgefeuert werden.
1233
Der Marburger Mönch Konrad, vom Papst zum obersten Inquisitor für
Deutschland eingesetzt, durch Verfolgungseifer unbeliebt geworden, wird nach
mehreren Warnungen bei Marburg von einigen Edelleuten erschlagen. Ein Nachfolger
findet sich nicht, und so kann die Inquisition in Deutschland keinen Fuß
fassen. Der Podesta von Parma erteilt dem Gherardo Boccabadati die Vollmacht,
in die Statuten der Stadt die Verpflichtung einzufügen, berüchtigte
Häretiker der Folter zu unterziehen, um andere zu entdecken, wenn es
der Bischof für richtig hält. 27. Februar: In Worms kommt es in
einer sog. Rachtung zum Ausgleich zwischen Bischof und Bürgern. Es wird
ein Rat aus neun vom Bischof ernannten Bürgern und sechs von den Bürgern
gewählten Rittern geschaffen. Den Vorsitz führt der Bischof. Von
den beiden Bürgermeistern soll in Zukunft einer vom König und der
andere vom Bischof ernannt werden. März: Die Stedinger zerstören
die im Wiederaufbau befindliche Burg Schlütterberg. Ihre Angriffe auf
Oldenburg und Bremen scheitern. Sommer: Der "Kreuzzug" gegen die
Stedinger verwüstet deren Siedlungsgebiete östlich der Weser, wobei
über 400, auch Frauen und Kinder, umgebracht werden. Wer lebend erwischt
wird, wird verbrannt. Eine am 17. Juni ausgestellte zweite Kreuzzugsbulle
trifft in Bremen ein, wonach die "Pilger" den gleichen Ablaß
erhalten wie Jerusalemfahrer. 6. Juli: Das "Kreuzfahrerheer" wird
bei Hemmelskamp von den Stedingern geschlagen. Wieder bleiben die Reiter im
Morast stecken und werden von Fernwaffen niedergestreckt; 200 fallen, darunter
ihr Anführer Graf Burkhard von Oldenburg. Der Bischof von Bremen schickt
nun Saboteure, die die Deiche der Stedinger durchstechen sollen, was aber
offenbar nicht gelungen ist. In Tuy gibt es 350 Kleriker mit Geburtsmakeln
(unehelich oder als Kinder von Klerikern geboren). Emmerich erhält Stadtrechte.
Im gleiche Jahr wird mit Bau einer Mauer begonnen.
1234
"Ein furchtbarer Winter brachte Schaden den Weinstöcken und Feldfrüchten
und hielt den ganzen Januar an." [Marbacher Annalen]
Herzog Heinrich I. der Bärtige von Krakau und Schlesien versucht, im
Quellgebiet des Dunajec Deutsche aus Schlesien anzusiedeln. Die Nikolaikirche
in Dresden wird erstmals erwähnt. Sie soll bereits um 1170 errichtet
worden sein. 27. Mai: Ein neues, noch größeres "Kreuzfahrerheer"
(vielleicht 8000) besiegt bei Altenesch die Stedinger (3000 bis 4000). Gefangene
werden nicht gemacht. Das eroberte Land wird zwischen Bremen und Oldenburg
aufgeteilt. Die Stellung der Bauern in diesem Gebiet verschlechtert sich beträchtlich.
König Jaime (Jakob) von Aragon verordnet, daß jeder Adlige sich
einen eigenen fest besoldeten Spielmann halten soll, den anderen Spielleuten
dafür aber nichts mehr geben soll. Er bestimmt weiterhin, daß Pelze
aus Zobel oder Hermelin ausschließlich den Fürsten vorbehalten
seien - eine Bestimmung, die bis in die Neuzeit aufrechterhalten wird. Es
erscheint der "Liber extra", die erste von einem Papst feierlich
publizierte Sammlung von Kanones. Hier wird u.a. das Verbot der direkten Nachfolge
des Sohnes in einer vom Vater innegehabten Pfründe festgeschrieben -
allerdings ist hier Dispens möglich.
1235
In Deutschland werden die Juden erstmals (in Fulda) des Ritualmordes beschuldigt.
Es werden ihrer 32 erschlagen, weil sie angeblich (am Weinachtstage) die Kinder
eines Müllers ermordet und seine Mühle angezündet hätten.
Friedrich II. zieht nach 15 Jahren Abwesenheit in Deutschland ein, nicht nur
mit großem Heer, sondern auch mit exotischen Tieren, Affen und Elefanten.
Friedrichs Reichslandfrieden ist das erste in deutscher Sprache abgefaßte
Reichsgesetz. Wer keine Beine mehr hat, muß sich mit Schemeln fortbewegen
und wird daher Schemler genannt. Wie es einem dann ergeht, mag ein Beispiel
aus diesem Jahre zeigen: Ein 21jähriger Schemler legt in 5 Wochen eine
Strecke von 35 km zurück, braucht also einen Tag für einen Kilometer.
Béla IV. wird König von Ungarn (bis 1270). Er holt Franziskaner
und Dominikaner ins Land und führt das strenge byzantinische Hofzeremoniell
ein (weil seine Frau Maria Laskaris die Tochter des byzantinischen Kaisers
ist).
Bis 1240: Entstehung der Originalfassung des "Tristan en prose"
in Frankreich, im Grunde eine Neubearbeitung des "Lancelot en prose".
Dieses Werk wird ein großer Publikumserfolg und nach 1240 entstehen
die zwei Fassungen, welche für die Rezeption bestimmend werden.
1236
"Zur selben Zeit ermordeten Juden in einer Mühle beim Kloster Fulda
einige Knaben, um ihnen Blut zu ihrem Gebrauch zu entziehen, weshalb die Bürger
dieser Stadt viele von ihnen töteten. Nachdem aber die Leichen der Knaben
nach der Stadt Hagenau gebracht und daselbst mit Ehren bestattet waren, rief
der Kaiser, da er den gegen die Juden entstandenen Aufruhr nicht anders bewältigen
konnte, viele mächtige und angesehene Herren und Gelehrte von verschiedenen
Gegenden zusammen und erforschte sorgfältig bei den Kundigen, ob die
Juden wirklich, wie das allgemeine Gerücht geht, am Rüsttage vor
Ostern Christenblut nötig hätten, mit dem festen Vorsatz, wenn sich
dieses bewahrheitete, sollten alle Juden seines Reiches vertilgt werden. Da
er aber hierüber nichts Gewisses erfahren konnte, kam der strenge kaiserliche
Vorsatz bald wieder in Vergessenheit, freilich nachdem von den Juden eine
bedeutende Geldsumme erlegt war. (...) In diesem Jahre war sehr großer
Überfluß an Wein, so daß ein Faß, welches vierzig Eimer
faßte, leer um zwanzig Unzen verkauft wurde und das Viertel Wein um
einen Denar." [Marbacher Annalen]
Graf Richard von Cornwall nimmt das Kreuz. Eine seiner ersten Maßnahmen
ist das Abholzen seiner Wälder und Verkauf des Holzes, um Geld für
den Kreuzzug aufzutreiben. Häufig wird Holz verkauft, um rasch zu Geld
zu kommen. Friedrich II. erklärt die deutschen Juden zu kaiserlichen
Kammerknechten und stellt sie unter besonderen Schutz. Quilichinus von Spoleto
verfaßt die "Historia Alexandri".
1237
Beim Brand des Klosters von Vorau opfert Propst Bernhard II. sein Leben, um
Handschriften und Urkunden, darunter die berühmte Kaiserchronik und frühmittelhochdeutsche
Gedichte zu retten. Eine Straße längs der Reußschlucht und
eine Brücke in Schöllenen öffnet den Gotthardpaß. Besonders
Mailand wird davon profitieren. Florenz führt eine neue Münze ein:
den Soldo, welcher, obwohl aus Silber, vom alten Solidus abgeleitet ist. Der
Wert beträgt zwölf Denare. "Zu bemerken ist noch, daß
vor dem Herbste dieses Jahres das Viertel Wein, an welchem im vorigen Jahre
so großer Überfluß war, sechzehn Denare galt." [Marbacher
Annalen]
Erstmals wird ein Stadtkämmerer erwähnt, und zwar in Lübeck.
Stadtkämmerer (alias Lohnherren, Losunger, Rentmeister, Säckelmeister)
sind mit der Finanzverwaltung betraut und kommen in der Folgezeit häufig
aus der Kaufmannschaft, weil einerseits Erfahrung im Rechnungswesen nötig
ist und andererseits städtische Ausgaben teilweise vorgeschossen werden
müssen. Friedrich II. besiegt bei Cortenuova die verbündeten lombardischen
Städte. Bei seinem anschließenden triumphalen Einzug in Mailand
führt er auch seinen Elefanten mit, welcher den erbeuteten lombardischen
Fahnenwagen zieht. Herzog Barnim I. läßt die rechtlichen Befugnisse
der Deutschen in Stettin erweitern und überträgt ihnen die Rechtsprechung
über die gesamte, auch slawische Bevölkerung der Stadt. Er legt
auch den Zuständigkeitsbereich der beiden Pfarren St. Peter und St. Jakob
fest, wobei bemerkenswert ist, daß beode Kirchen außerhalb des
Befestigungsringes liegen. Es stirbt Neidhart von Reuenthal. Es stirbt der
deutsche Gelehrte Jordanus Nemorarius, der mechanische Bewegungsprobleme untersucht
hat. Nach der Niederlage des Schwertbrüderordens gegen die Litauer bei
Schaulen übernimmt der Deutsche Orden auch die baltischen Länder.
1239
Graf Adolf IV. von Schauenburg zieht sich als Mönch in das von ihm selbst
gestiftete Franziskanerkloster in Hamburg zurück. Unter seiner Herrschaft
hat Hamburg weitgehende Selbstverwaltung erhalten und ist beträchtlich
vergrößert worden. Handel und gewerbe, vor allem die Bierbrauerei,
blühen auf. Mehrere Klöster und Spitäler entstehen. Mai: Der
Dominikanerinquisitor Robert le Bougre läßt an einem einzigen Tag
183 Katharer samt deren Erzbischof umbringen.
1240
Die Synode von Worcester verbietet den Klerikern den Tanz. Der päpstliche
Legat Latinus verbietet (nach Salimbene von Parma) den Frauen in den oberitalienischen
Städten das Tragen von Schleppen und schreibt stattdessen nur bis zur
Erde oder eine Handbreit darüber reichende Kleider vor. "Das war
den Frauen bitterer als der Tod." Burg und Siedlung von Danzig übernehmen
das lübische Stadtrecht. Kaiser Friedrich II. gewährt den Besuchern
der (hier erstmals erwähnten) Frankfurter Messe Markt- und Messefreiheit.
Dazu gehört auch das Meßrecht, welches mehrere Aspekte umfaßt:
Regelung der allgemeinen Rechtsstellung mit Geleitwesen und Straßensicherung;
unbedingte Handels- und Gewerbefreiheit; einen besonderen Meßgerichtsstand
und Rechtsschutz der Gäste (selbst Geächteten), Asylrecht, polizeiliche
Ordnungsregelungen sowie Handels- und Wechselrecht. König Alfons X. (der
Weise) von Kastilien beruft einen astronomischen Kongreß von 50 christlichen,
jüdischen und arabischen Gelehrten nach Toledo ein. In Hamburg wird dem
Bau einer neuen Mauer begonnen. München kommt vollständig in den
Besitz der Wittelsbacher. Erzbischof Eberhard II. von Salzburg verfällt
dem Kirchenbann.
Ca.: Aufkommen der hydraulischen Säge mit automatischem Vorrücken
des zu bearbeitenden Stücks.
Ca.: Aufkommen der Schraubenwinde.
Ca.: Rudolf von Ems verfaßt seinen Alexanderroman.
Nach 1240: Es stirbt Caesarius von Heisterbach (ca. 60), Prior des Zisterzienserklosters
Heisterbach bei Königswinter.
1240/1250: Es entsteht das Friedrich II. zugeschriebene Traktat "De arte
venandi cum avibus" (Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen).
Danach ist die Beizjagd besonders geeignet, um Herrschaft zu repräsentieren.
Sie sei adliger und würdiger als andere Jagdarten, weil Raubvögel
adliger seien als andere Jagdmittel und schwieriger abzurichten, nämlich
nur durch den Geist des Menschen, wodurch nur Adlige dieser Aufgabe entsprechen
könnten.
Bis 1250: Ungefähre Entstehungszeit des "Rennewart" des Ulrich
von Türheim, eine Art Fortsetzung von Wolframs "Willehalm",
obwohl hier religiöser Fanatismus vorherrscht.
1241
Schutz- und Trutzbündnis zwischen Hamburg und Lübeck. Bei einem
Turnier zu Nuys bei Köln bleiben angeblich 60 Ritter tot auf dem Platz.
Island: Snorri Sturluson (geb. 1178 oder 1179), Großbauer, Politiker,
Historiograph und Dichter wird ermordet. Nach einem unvollständigen Verzeichnis
stehen dem deutschen König aus dem Reich nördlich der Alpen etwa
12000 Mark (ca. 2800 kg) Silber an Einnahmen zur Verfügung. Die Einnahmen
aus den norditalienischen Städten werden (zur Zeit Barbarossas) auf mindestens
10000 kg Silber geschätzt. Gründung von Wesel. Breslau wird Stadt
mit deutschem Recht. 9. April: Die Mongolen kommen bis nach Liegnitz, wo sie
ein polnisch-deutsches Ritterheer unter Herzog Heinrich II. dem Frommen zusammenhauen.
Zwei Tage später schlagen sie auch die Ungarn, doch der Tod ihres Großkhans
im Dezember nötigt sie zum Rückzug, um sich in der Mongolei in die
Thronstreitigkeiten einzumischen. Wegen diesem Rückzug wird zuweilen
fälschlicherweise kolportiert, daß die Mongolen bei Liegnitz geschlagen
worden wären.
1242
In Avignon werden drei Inquisitoren und zwei Gehilfen erschlagen. Der englische
Franziskaner Roger Bacon (1219 - ca. 1292) berichtet vom Schießpulver.
Die Steuermatrikel aus diesem Jahre stellt die älteste Quelle für
die Höhe der Stadtsteuern dar. Danach betragen die Steuern, in Mark pro
Jahr für: Frankfurt 250, Basel 200, Schwäbisch Gmünd 200, Schwäbisch
Hall 170, Esslingen 120, Lindau 100, Ulm 80, Biberach 70, Memmingen 70, Donauwörth
60, Konstanz 60, Bopfingen 60, Ravensburg 50, Dinkelsbühl 40, Wangen
10 und Buchhorn 10. Diese Einstufung entspricht nicht immer der Wirtschaftskraft.
Kleve erhält Stadtrechte. Der Ort schließt gleich einen Vertrag
mit Geldern, um die Abwanderung in andere Gebiete zu beschränken und
dadurch die Arbeitskräfte zu erhalten. Der Graf von Kleve verleiht dem
Ort Kalkar (zwölf Jahre zuvor gegründet) Stadtrechte. Kalkar liegt
am Schnittpunkt der Fernhandelsstraße von Köln nach Nimwegen und
steigt bald zu einem blühenden Ort der Wollweberei auf. In Kiel werden
Stadtbücher geführt. In Stettin ist der erste Schultheiß belegt.
Todesursachen: Enguerrand III. von Coucy (ca. 60) stürzt vom Pferd und
wird vom eigenen Schwert durchbohrt.
1243
Byzantinisches Geld wird im internationalen Handel allmählich durch italienisches
Geld ersetzt. (Das Reich von Nikaia ist vom Handel weitgehend abgeschnitten)
Stettin erhält Magdeburger Recht und zahlreiche wirtschaftliche Privilegien.
Bis 1280: In der päpstlichen Kanzlei wird als Jahresanfang wieder der
25. März (nach unserem Jahresanfang) nach Florentiner Rechnung verwendet.
1244
Es fällt nach über einjähriger Belagerung die Burg Montségur
(durch Verrat), das Symbol des Widerstandes der Katharer. Hierhin hatten sich
400 bis 500 Katharer (inkl. Frauen und Kinder) zurückgezogen, die jetzt
zwischen Widerruf und Scheiterhaufen entscheiden müssen. 200 wählen
den Feuertod. Nach der Überlieferung sollen von den "Vollkommenen"
nur vier entkommen sein. Diese sollen einen angeblichen Schatz der Katharer
(eine absurde Vorstellung!) irgendwo verborgen haben. In der Folgezeit entstehen
allerlei fabelhafte Geschichten; besonders in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts
will man die Burg Montségur gar zum Schauplatz der Parzivalsage machen,
welche nachweislich älter ist. Mainz erhält u.a. das Privileg, einen
Stadtrat zu wählen. [Dies kann auch eine Bestätigung sein, denn
Ratsleute werden für Mainz bereits 1219 erwähnt.] Im Bayerischen
Landfrieden ist die älteste erhaltene nichtfiktive Kleiderordnung erhalten
(zuvor hat es bereits literarisch fixierte bzw. vorgeschlagene Kleiderordnungen
gegeben - abgesehen von den Bestimmungen für Juden von 1214): "An
Werktagen dürfen sie [die Bauern] lediglich ein kurzes Messer und einen
Pflugstab tragen, ein Schwert nur die Hauswirte, aber keine anderen und nur
zum Kirchgang." Kostbare und bunte Stoffe sind den Bauern nicht gestattet;
sie sollen stattdessen billige und graue Stoffe verwenden und die Schuhe haben
aus einfachem Rindsleder zu sein. Unzulässige Kleidungsstücke sollen
eingezogen und den Bauern nur gegen Bußgeld wieder ausgehändigt
werden. Den Bäuerinnen wird der Gebrauch von Seidenbesatz und bunte und
kostbare Schleier untersagt. Außerdem sollen die Bauern ihre Haare kurz
und bis zu den Ohren geschnitten tragen. Nach dem Wiener Stadtrecht darf ein
Spielmann nur dann gerichtliche Entschädigung für grundlose Schläge
erwirken, wenn ihm der Beschuldigte drei weitere Schläge "im Spaß"
zufügt. Jerusalem geht an die Chwaresmier verloren.
1245
Synode von Rouen: "Da die Geistlichen, die Pfarrer und die Priester den
Laien als Vorbild dienen sollen, sei es ihnen bei schweren Strafen untersagt,
zu kämpfen oder zu tanzen." Regensburg wird Reichsstadt. Die romanische
Kirche von Rees brennt ab. (Ein Neubau wird bald im gotischen Stil begonnen)
Stettin erhält das Recht, ein Kaufhaus zu bauen.
Ca.: Stettin erhält das Recht, Zünfte zu gründen.
Ca.: Falkenbuch Kaiser Friedrichs II.
Bis 1247: Der päpstliche Gesandte Piano Carpini reist über Kiew
nach Karakorum.
1246
In Bremen wird ein eigenes Gerichtsgebäude (praetorium) erwähnt.
Herzog Friedrich II. ("der Streitbare") von Österreich greift
zum zweitenmal Ungarn an, fällt aber in der Schlacht an der Leitha. Damit
stirbt die männliche Linie der Babenberger aus. Erzbischof Eberhard II.
von Salzburg stirbt. Da er gebannt ist, verbleibt sein Leichnam über
40 Jahre unbestattet in Altenmarkt.
1247
Braunschweig tritt dem Bund Hamburg-Lübeck bei. In den Fragmenten des
Kopialbuchs von Mont St. Michel steht die erste (und während des Mittelalters
einzige) Erwähnung des "Rechtes der ersten Nacht" (ius primae
noctis), wobei dieser Brauch den Pikten zugeschrieben wird - ohne nähere
Angaben von Zeit, Stamm oder Person. Spätere Zeiten haben diesen Brauch
oft fälschlicherweise dem Mittelalter unterstellt, was dem Charakter
der Ehe als Sakrament völlig widerspräche. So unterstellt z.B. eine
neuzeitliche Sage den Brauch den Rittern von Prasberg (natürlich ohne
Namen zu nennen), gegen welche sich deswegen die Bürger von Wangen erfolgreich
erhoben hätten (und natürlich ganz sagenhaft ohne irgendwelche Konsequenzen).
Das Hauptsiechenhaus zu Köln hat 100 Insassen.
Bis 1249: Der spätere Papst Urban IV. ist als päpstlicher Legat
in Deutschland unterwegs und wird in dieser Zeit von drei verarmten Adligen
überfallen und ausgeraubt. Die drei werden zu einer Wallfahrt verurteilt,
doch auf ihr Bitten erhalten sie Absolution.
Bis 1278: In England wird der Long-cross Sterling herausgegeben, der den Short-cross
Sterling ablöst. (englischer Pfennig) Der Sterling hat sich seit Beginn
des 13. Jhs. besonders in Frankreich, den Niederlanden und im nordwestlichen
Deutschland verbreitet und wird dem Kölner Pfennig gleichgesetzt. Der
Short-cross Sterling wurde besonders in Westfalen z.T. täuschend echt
nachgeahmt, der Long-cross Sterling vor allem in den Niederlanden, Luxemburg,
Frankreich, Rheinland, Westfalen und Skandinavien imitiert.
1248
Der Elefant Friedrichs II. stirbt "ex habundantibus umoribus" zu
Cremona und wird beerdigt in der Hoffnung, daß seine Knochen zu Elfenbein
werden. Es war Friedrichs Lieblingstier, obwohl sich der Kaiser wohl noch
weitere Elefanten zugelegt hat. Der päpstliche Legat Jacques Pantaléon
(später Papst Urban IV.) bestimmt für Deutschland: Wenn ein Priester
zum Versehgang gerufen wird, läute er sofort die große Glocke seiner
Kirche, damit sie in der gesamten Pfarre gehört werde. Das Volk ströme
hierauf zur Kirche und folge dem Priester in Prozession zum Haus des Kranken.
Nach der Spendung des Sakramentes begleite das Volk den Priester in gleicher
Weise zurück zur Kirche. Für diese Begeleitung werden Ablässe
gewährt. (Als Urban IV. wird er diese Praxis 1263 für die Gesamtkirche
einführen.) In Basel bilden die Bauleute und Metzger Zünfte. Erzbischof
Konrad von Hochstaden legt den Grundstein für den Kölner Dom. (Dieser
wird erst 1880 vollendet werden.) Es stirbt der arabische Gelehrte Ibn al
Baitar, der die Erkenntnisse der arabischen Arzneikunde im "Buch der
einfachen Arzneimittel" zusammengefaßt hat. Aachen, das den Welfen
treugeblieben ist, wird durch Wilhelm von Holland belagert (Oktober). Sechster
Kreuzzug (bis 1254): Ludwig IX. von Frankreich ("der Heilige") bricht
nach Ägypten auf. Man schätzt (im 14. Jh.), daß der König
auf diesem Zug 1537570 livres tournois an Ausgaben hat - mehr als das Sechsfache
seiner üblichen Jahreseinnahmen (250000 livres) . Darin sind enthalten:
Proviantierung und Bekleidung des königlichen Haushalts, Sold der Ritter,
Schildknappen und Armbrustschützen, Kauf und Ersatz von Pferden, Kamelen
und Maultieren, Anmietung und Verproviantierung der Schiffe, Geschenke und
Darlehen an die Kreuzfahrer, das Lösegeld für den König im
April 1250, Kosten für Befestigungen u.a. Dies können aber noch
nicht die Gesamtkosten gewesen sein, denn Ludwig subventioniert etwa 55% der
Kreuzfahrer in seinem Gefolge über Verträge, Geschenke und Darlehen.
Hinzu kommen "versteckteKosten" wie der Neubau des hafens von Aigues
Mortes speziell für diesen Kreuzzug´oder die Schulden, die der
könig vor seinem Aufbruch macht, um sein Reich zu befrieden und zu stablilisieren.
Simon Lloyd (Oxford Ill. Hist. Crusades 1995) schätzt die Kosten auf
drei Millionen livres. Die individuelen Aufwendungen der Territorialherren
und ihres Gefolges sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.
Bis 1269: Die Visitationsprotokolle von Odo Rigaud erwähnen fast alle
Klöster der Normandie als verschuldet.
1249
Abt und Mönche des Klosters Prüfening zu Regensburg haben sich bei
Papst Innozenz IV. darüber beschwert, daß die jungen Kleriker und
Scholaren alljährlich zu Weihnachten einen der Ihren zum Kinderbischof
erwählen, Masken- und sonstige unschickliche Spiele veranstalten, selbst
in das Kloster einbrechen und hierbei Mönche und Hausgenossen unehrerbietig
behandeln. Es stirbt Wilhelm von Auvergne, der Bischof von Paris. Er hat einmal
zugegeben, daß die Höllendrohungen der Theologen dieselbe Funktion
hätten wie die elterliche Drohung mit Ungeheuern Kindern gegenüber,
beide sollen Gehorsam erzeugen. [Baschet, Justices, S. 580, Anm. 149]
1250
Vermutlich vor 1250 werden in Nordfrankreich die "Ordene de chevalerie"
verfaßt. Dieses anonyme Werk erlangt große Popularität und
ist in zahlreichen Abschriften überliefert, oft zusammen mit anderem
für ein ritterliches Publikum interessantem Material. Es zirkuliert auch
eine kurzgefaßte Prosaversion. Die Rahmenhandlung erzählt, wie
Graf Hugo von Tiberias von Sultan Saladin gefangengenommen wird, welcher ihn
freizulassen verspricht, wenn er ihm erkläre, wie nach Christenrecht
Ritter gemacht würden. Das Gedicht beschreibt dann ausführlich,
wie Hugo den Sultan zum Ritter macht. Trotz des christlichen Anstrichs der
Rituale wird hier ein ganz und gar weltliches Verfahren gezeigt, das ohne
Kleriker auskommt. Am Ende wird Hugo freigelassen, nachdem Saladin das Lösegeld
spendiert hat. Albertus Magnus beschreibt Metallfiguren, die, mit Wasser gefüllt
und erwärmt, die verschließenden Holzkeile wegschleudern ("Püsteriche").
Der "Königsspiegel" empfiehlt, das Hemd kürzer zu schneiden
als den Rock, weil sich kein höfischer Mann mit Stoffen aus Hanf oder
Flachs schmücke. (Was soll das wohl bedeuten?) In Kulmbach werden Neubürgerlisten
angelegt. Die Mainzer zerstören mit Unterstützung von König
Wilhelm die Burg Weisenau. Kaiser Friedrich II. (56) stirbt.
Ca.: Der französische Architekt Villard zeichnet eine Uhr mit Gewichten.
Ca.: Entstehung der Stifterfiguren im Naumburger Dom.
Ca.: Einsetzen der "Chronica universalis Mettensis" (Metzer Chronik)
des Dominikaners Jean de Mailly. Hier findet sich sich die erste heute allgemein
als echt anerkannte Bezeugung der Päpstin (der späteren Päpstin
Johanna der Legende): Nach Papst Viktor (gest. 1087) am Ende der Seite, welche
die Jahre von 1051 bis 1100 umfaßt, wird eine "papissa" (Päpstin)
erwähnt, die nicht im Katalog der Päpste geführt werde, weil
sie als Frau das andere Geschlecht nur simuliert habe. Durch große Begabung
(probitate ingenii) habe "er" es zuvor schon zum Notar der Kurie,
später zum Kardinal und schließlich zum Papst gebracht und die
ganze Sache sei durch eine Geburt beim Reiten publik geworden, worauf man
sie an den Schwanz ihres Pferdes gebunden und durch die Stadt geschleift habe,
währenddessen sie vom Volk gesteinigt und am Ort ihres Todes begraben
worden sei. Dies soll nach "Romana iustitia" geschehen sein. Eine
lateinische Inschrift (mit sechs allitterierenden P) bezeuge dies: "Petrus,
Vater der Väter, du sollst das Gebären der Päpstin verraten".
In ihrer Amtszeit soll das Quatemberfasten eingeführt worden und als
das Fasten der Päpstin bezeichnet worden sein. Dazu sei bemerkt, daß
im Entwurf des Autors am Ende eines Folio der Vermerk "require"
(prüfe) steht, wobei unklar bleibt, ob der Autor diese Prüfung tatsächlich
vorgenommen hat. Möglicherweise (nach Boureau) liegt hier ein "Sprung
des Gerüchts in den Text" vor.
Ca.: Der Marner, ein wandernder Liederdichter, beschreibt in einem Werk, was
die Hofgesellschaft von ihm erwartet: "Sing ich dien liuten mîniuliet,
/ sô wil der êrste daz / wie Dieterîch Berne schiet, / der
ander, wâ künc Ruother saz, / der dritte wil der Riuzen sturm,
sô wil der vierde Ekhartes nôt, / Der fünfte wen Kriemhilt
verriet, / der sehsten taete baz / war komen sî der Wilzen diet".
Ca.: Stephanus de Bellavilla, ein Inquisitor, entdeckt in Neuville (Diözese
Lyon) einen bäuerlichen Kult, bei dem ein heiliger Hund verehrt wird
("De aduratione Guinefortis canis"). Selbstredend sorgt er für
dessen Ausrottung.
Bis 1280: Entstehung der Steirischen Reimchronik. Hier wird u.a. vom armen
Schneider Berchtold aus Wien berichtet, der durch die Gunst von Herzog und
Herzogin zum Schützenmeister aufsteigt (Ein Beispiel für ständische
Mobilität).
Bis 1296: Mehrmals wird das Turnier von den französischen Königen
- ohne Erfolg - verboten.
Ca.: In Westisland entsteht die "Laxdoela saga" (Saga von den Leuten
aus dem Laxartal).
1251
Kreuzzug der Pastorellen ("Hirtenkinder") in Nordfrankreich unter
Führung eines gewissen Meister Jakob aus Ungarn. Ihr Zeichen ist das
Lamm (vielleicht auch daher der Name, denn es sind nicht nur Kinder). Es sollen
angeblich schließlich 100000 gewesen sein und sie beginnen mit Ausschreitungen,
besonders gegen die Juden. Die Königin, die Jakob zunächst ehrenvoll
aufgenommen hat, bewirkt nun den Bann gegen ihn und seine Haufen werden verfolgt
und zerstreut. Meister Jakob wird in Bourges von einem Fleischer erschlagen.
Aufkommen der Senfmühle. Brand von Lübeck. Danach wird die dortige
Marienkirche als frühgotische Hallenkirche weitergebaut. (Beginn der
norddeutschen Backsteingotik) Nach einer Verordnung sind "Mädchenräuber,
Diebe und Totschläger... nicht als Studenten zu betrachten und zu behandeln".
1252
In der Bulle "Ad exstirpanda" von Papst Innozenz IV. wird erstmals
die Folter (durchgeführt durch die weltliche Obrigkeit) zur Erzielung
eines Geständnisses in der Inquisition von der Kirche gebilligt. Die
Folter, seit der Antike bekannt, war seit Anfang des 10. Jhs. verschwunden.
In Norditalien wird der Inquisitor Peter von Verona umgebracht. Übergang
zur Goldwährung in Florenz (Florin, Floren, Florenus, Fiorino d'oro)
und Genua (Dukaten). Der Florin zeigt vorne Johannes den Täufer und auf
der Rückseite die Lilie. Er hat 24 Karat Feingehalt und 3,537 Gramm Rauhgewicht
und soll einem Pfund Silbergeld entsprechen. Die neue Währung wird in
ganz Europa begeistert aufgenommen und heißt bald nur noch "Gulden".
Die allgemein übliche Abkürzung (für Gulden) wird "fl"
und bezeichnet noch heute den niederländischen Gulden. (Die genuesische
Münze heißt evl. ursrünglich nicht "Dukaten" - vgl.
1284). Traditionelles Gründungsjahr von Stockholm, weil aus diesem Jahr
zwei Briefe des "major domus" der Stadt erhalten sind, die Stockholm
aber gar nicht betreffen. Über Toleranz in Spanien: Es stirbt König
Ferdinand III. von Kastilien. Seine Grabinschrift ist auf lateinisch, hebräisch
und arabisch verfaßt. (Vgl. 1389) Steyr wird als "civitas"
genannt. (Vgl. 1170), Gründung von Stockholm.
1253
In Siena wird das gegenseitige Bewerfen mit Steinen (ein Kampfspiel) verboten.
An dieser Stelle sei stellvertretend für die zahlreichen noch folgenden
Verbote bemerkt, daß das Mittelalter keine Freude an der rigiden Durchsetzung
von Normen hat. Die gleiche "Obrigkeit" (ein Begriff, der erst Ende
des 15. Jhs. entsteht), die Verbote erläßt, gestattet gleichzeitig
Ausnahmen und Sonderlizenzen. 7. Mai: Der Mönch Wilhelm von Rubruck,
Gesandter Ludwigs IX. von Frankreich bricht von Konstantinopel aus auf, um
nach Karakorum zum Mongolenkhan Möngke (Mangu) zu reisen.
1254
Gründung des Rheinischen Städtebundes auf Betreiben des Mainzer
Kaufmanns Arnold Waldpot; ursprünglich zurückgehend auf Mainz, Worms
und Oppenheim. Dazu die Wormser Chronik zu diesem Jahre: "Desmals aber
stunds in Deutschland und fürnehmlich am Rhein also, daß wer der
stärkst war, der schub den andern in sack, wie er kunnt und möcht.
die reuter und edelleut nähreten sich aus dem stegreif, mordeten wen
sie konnten, verlegten und versperten die päss und straßen und
stellten denen, so ihres gewerbs halben über land ziehen musten, wunderbarlich
nach. darneben hatten etliche herrschaften neue zöll am Rhein aufgericht,
auch war das arm volk mit übermäßigen unbilligen schatzungen
hoch beladen, beschwert und bedrängt, derhalben weil sie sonst keiner
hülf oder trosten gewärtig, verbanden sich nach deren von Worms,
Mainz, Oppenheim exempel fast in die 60 städt am Rhein gelegen, daß
ie eine der andern in nöthen beistand thuen sollte, als Wesel, Neus,
Ach, Cöln, Bonn, Boppard, Wetzlar, Speier, Straßburg, Basel, Schlettstatt,
Zürch, Freiburg, Breisach, Weißenburg, Neustatt, Wimpfen, Heidelberg,
Lützelberg, Frankfurt, Friedberg, Seligenstadt, Bingen, Lautersburg,
Mühlhausen, Gelhausen. zu dieser städt bund schlug sich pfalzgraf
Ludwig, welches schwester mit namen Elisabetha könig Conrad zum gemahl
gehabt, stellt seine kriegsrüstung neben sie, die thaten dann zusammen
und stellten alle zöll ab, so auf dem Rhein bei den städten aufgehoben
wurden, wiewohl sie von wegen der krieg viel schuldig, rißen die raubschlösser
ein, schleiften sie, vertrieben die mörder und straßenräuber
zum land hinaus. als diß ihnen glücklich näher gieng, schickten
sie zu den benachbarten fürsten und herrn, nämlich Gebharden, Conraden,
Arnolfen, erzbischofen zu Mainz, Cöln und Trier, Richarden, Heinrichen,
Bertholden, Jacoben, bischofen zu Worms, Straßburg, Basel und Metz,
desgleichen an Conraden, Emichen wildgrafen, Dietherichen von Catzenelnbogen,
Friedrich zu Leiningen, Bertholden zu Ziegenhain, Boppen zu Thüringen,
Ulrichen von Pfirt, Gerlachen von Limburg und alle städt, daß sie
auch desgleichen abstelleten, wiewohl sie aber erstlich des ungern thaten,
iedoch folgeten sie den andern, kamen gen Metz zusammen und schwuren den zehnjährigen
frieden zusammen. ward also durch deren von Worms löblich exempel und
großen kosten (dann ihnen das erst jahr über die tausend mark auf
söldner und reuter zu bestellen gelaufen) wiederum fried und ehrbarkeit
ziemlicher maßen gepflanzt. Actum anno 1254 auf Margretae." [Friedrich
Zorn, Wormser Chronik, ed. Wilhelm Arnold, Stuttgart 1857, S. 101f.] [Wie
aus der Sprache schon ersichtlich, Jahrhunderte später...] Graf Derik
IV. von Kleve erhebt die Zollstation Grieth, erst vor vier Jahren gegründet,
zur Stadt. In London findet in Vorbereitung eines Turniers (erstmals?) ein
Reiter-quintain ("Sarazenenstechen") statt, welches in ein allgemeines
Handgemenge ausartet. Das teilnehmende Hofvolk wird von den Bürgern verspottet
(als Feiglinge und Hampelmänner), bricht daraufhin ab und verprügelt
die Spötter. Der König verurteilt den Londoner Magistrat zu einer
Geldbuße von 1000 Mark. Papst Innozenz IV. stirbt. Er wird mit seinen
Pontifikalhandschuhen beerdigt, und diese stellen das älteste erhaltene
mittelalterliche Strickwerk dar. Das Stricken, in der Spätantike vermutlich
von koptischen Christen in Ägypten erfunden und später in Vergessenheit
geraten, ist Mitte des 13. Jhs. neu entdeckt worden.
Ca.: In Rostock werden Stadtbücher geführt.
Bis 1260: Entstehung des Versromans "Biterolf und Dietleib", wahrsch.
im Traungau (Steiermark).
1255
Städtischer Rat in Ulm bezeugt. In der ersten Teilung Bayerns erhält
Herzog Ludwig II. der Strenge Oberbayern mit München. Unter seiner Herrschaft
wird die Stadt Residenz der Wittelsbacher. König Ludwig der Heilige von
Frankreich, der von seinem Kreuzzug einen Elefanten mitgebracht hat, schenkt
dieses Tier seinem Schwager Heinrich III. von England. Dies ist der erste
Elefant, der seit der Römerzeit nach England kommt. In London wird ihm
beim Tower sogleich ein Haus gebaut, welches 40 mal 20 Fuß groß
sein soll (siehe 1258). Diese Episode ist der "Chronica majora"
von Matthäus Parisiensis vermerkt, wo sich die erste realistische Abbildung
eines Elefanten im nördlichen Europa findet - allerdings ohne weitere
Folgen, denn die Bilderwelt wird weiterhin von phantastischen Darstellungen
beherrscht. Uerdingen wird zur Stadt erhoben. In Barcelona wird mit dem Bau
eines Arsenal- und Werftbereiches begonnen. Fall von Queribus (in den Pyrenäen),
der letzten Burg der Katharer.
1256
Die Markt- und Gewerbeordnung für Landshut schreibt vor, daß Würste
nur aus gutem Fleisch hergestellt werden dürfen, bei einer Strafe von
einem Pfund Pfennig und Ausschluß aus dem Handwerk für ein Jahr.
[O hätten wir heute solch ein Gesetz...] Aus dem Bayerischen Landfrieden:
"Loterpfaffen mit dem langen hare und spilleut, die diu wip mit in furent
uzzerhalb ir pfarre, die sint uz dem fride." König Alfons X. (der
Weise) von Kastilien verwendet zu astronomischen Beobachtungen Kerzen-, Quecksilber-
und Wasseruhren. In Italien bildet sich der Augustiner-Eremiten-Orden. Leonardo
Malaparte durchschwimmt die Etsch "gleich einer Ente unter Wasser"
auf 7000 Schritt.
Ca.: Markgraf Heinrich von Meißen vefügt für die Stadt Altenburg
im Reichsterritorium Pleißen, daß jeder, der unfrei geboren wird
und Jahr und Tag ohne Rückverfolgung in der Stadt lebt, nach dieser Frist
nicht mehr zurückverlangt werden kann. Hier wird verfahrensrechtlich
erstmals faßbar, was später mit dem Satz "Stadtluft macht
frei" umschrieben wird. (Dieser im 19. Jh. geprägte Grundsatz hieß
zunächst "Luft macht frei".) Dieser Satz beruht im Kern darauf,
daß sich gesellschaftliche Veränderungen auch rechtlich auswirken.
Das ältere Personalitätsprinzip des Frühmittelalters, bei dem
die Zugehörigkeit zu einer Personengruppe entscheidend ist, wird im Hochmittelalter
vom Territorialitätsprinzip abgelöst, bei welchem die räumliche
Abgrenzung entscheidet. [Dies geschieht natürlich nicht genau Anno 1256!]
1256/1257
Bologna befreit alle Leibeigenen seines contado, insgesamt etwa 6000.
Ihre fast 400 Herren erhalten hohe Entschädigungen, während die
Freigelassenen ihren Anspruch auf ihre Besitzrechte verlieren und nun auch
noch besteuert werden.
Bis 1273: Interregnum im Reich.
1257
Beispiel für Ostsiedlung: Herzog Konrad von Schlesien organisiert die
Besiedlung des Dorfes Zedlitz. Dabei wird vereinbart, daß solche Landstücke,
die bereits offen (gerodet) oder nur mit Buschwerk bestanden sind, in flämische
Hufen (etwa 16 Hektar Land) aufgeteilt werden sollen, dichtes Waldland hingegen
in fränkische Hufen (etwa 24 Hektar). Die flämische Hufe kann aus
verschiedenen Parzellen zusammengesetzt sein, die fränkische jedoch bildet
einen zusammenhängenden Landstreifen. Eine fränkische Waldhufe erreicht
erst nach einiger Zeit ihre volle Ausdehnung, weil sich diese Fläche
nicht in einer Saison vollständig roden läßt. Die flämischen
Hufen genießen in Zedlitz fünf, die fränkischen zehn Jahre
Abgabenfreiheit. (Diese Karenzzeit kann freilich variieren: In einem anderen
schlesischen Beispiel aus dem späten 13. Jh. beträgt diese Frist
für bereits urbares Land drei Jahre, für Buschland neun Jahre und
für dichtes Waldland 16 Jahre. Heinrich III. von England gibt versuchsweise
Goldmünzen aus. Dieser Versuch scheitert. (England erhält erst 1344
eine Goldwährung).
1258
König Alfons X. von Kastilien erläßt die erste konkrete ständische
Kleiderordnung: "Niemand außer dem König soll ein Cape aus
Scharlach tragen. ... Kein Adliger und niemand sonst soll einen Umhang aus
Silberfell mit Edelsteinen, Knöpfen, langen Schnüren, mit Hermelin
oder Nutria tragen, und kein Edelmann soll am Hof einen Tabardo-Mantel tragen."
Adlige und Ritter werden angewiesen, im Jahr nicht mehr als vier Garnituren
neuer Kleider, und zwar nur aus Fell und Stoff zu erwerben. In London geht
der vor drei Jahren eingeführte Elefant ein. Der Stadtrat von Toledo
gründet etwa 30 km südlich der Stadt das Dorf Yébenes, dessen
Bewohner zehn Jahre Abgabenfreiheit erhalten. (Auch in Spanien finden in den
den Mauren entrissenen Gebieten ausgedehnte Besiedelungsaktionen statt - mit
den gleichen Mechanismen wie im Osten.) die Siedler sind verpflichtet, in
den ersten beiden Jahren eine bestimmte Fläche mit Weinreben zu bepflanzen.
1259
Handelsbund zwischen Lübeck, Hamburg, Wismar und Rostock. In Chevilly
und L'Hay gewährt das Kapitel eine Kollektivbefreiung von Leibeigenen.
Während sich die Lage der Bauern in einigen Gebieten verbessert, verschlechtert
sie sich in anderen (z.B. in England). Köln erhält Stapelrecht (bis
1831).
1260
Es gibt etwa 17500 Franziskaner. Im Kloster Corvey wird die antike Tabula
Peutingeriana reproduziert. Herzogin Gertrud, die letzte Babenbergerin, legt
für Judenburg eine Steuer von zwei Pfennig für alle Bürger
und Ministerialen für die Einleitung und Benutzung des Stadtbaches fest.
Der Bau dieser Wasserversorgung ist ein besonderes Anliegen des landesfürstlichen
Verwalters der Stadt, Ulrich von Lichtenstein (auch als Minnesänger bekannt).
Breslau beginnt mit dem Bau einer Stadtmauer mit sieben Toren. In Bologna
verstirbt der Rechtsgelehrte Accursius, der in den "Glossa ordinaria"
die Glossen seiner Vorgänger (zum römischen Recht) zusammengefaßt
hat.
Ca.: In Paris gibt es 130 organisierte Gewerbe, davon allein 22 für die
Eisenbearbeitung.
Ca.: Ludwig IX. gründet in Paris ein Blindenhospital. Bis 1270: Rutebeuf
verfaßt den "Renard le Bétourné", eine Tierfabel,
in welcher die Bettelorden lächerlich gemacht werden.
1261
Von Italien aus kommt die Schwärmerei der Geißelprozessionen nach
Deutschland. Ein solcher Zug soll 34 Tage dauern. Diese Bruderschaften heißen
Compagnia della Scopa, del Battuti, Flagellanti, Scopatori und Disciplinata.
Obwohl Spielleute eigentlich keine Waffen tragen dürfen, tritt der Spielmann
"Bitterpfeil" in einer Fehde zwischen der Stadt Straßburg
und ihrem Bischof Walter von Geroldseck als Schwertkämpfer auf. Der Dominikaner
Etienne de Bourbon verfaßt den "Tractatus de diversis materialibus
praedicabilibus" (Traktat der sieben Geistesgaben). danach hat sich um
das Jahr 1100 eine Verwegenheit oder eine Ungeheueuerlichkeit (mirabilis audacia
imo insania) ereignet, wie es "in den Chroniken" heiße. Eine
gebildete und in der Kunst des Schreibens - der Zauberei? - versierte Frau,
die sich durch männliche Kleidung (assumpto virili habitu) als Mann ausgab
kam nach Rom und brachte es durch Fleiß und Schriftgelehrsamkeit zum
Notar der Kurie und durch Unterstützung des Teufels zum Kardinal, schließlich
gar zum Papst. Dies ist die zweite Erwähnung der Päpstin (vgl. 1250),
später als "Päpstin Johanna" bekannt. Wie in der ersten
Quelle wird sie auch hier nach einer Geburt enttarnt und zu Tode geschleift
(aus der Stadt gezogen) und gleichzeitig über eine halbe Meile gesteinigt.
Diese Stelle scheint Jean de Mailly zu folgen (vgl. wieder 1250) mit dem Unterschied,
daß sie diesmal nicht an den Schwanz, sondern an die Beine des Pferdes
gebunden wird. Diese Variante, die als Verschärfung der Strafe gedeutet
wurde, bedarf eines Kommentares: Es mag makaber erscheinen, sich über
die Details des Zutode-Schleifens auszulassen, aber weder die eine noch die
andere der beschriebenen Methoden erscheinen realistisch. (Es wäre auch
noch zu klären, inwieweit eine solche Strafe zu dieser Zeit üblich
ist bzw. war.) Bei Etienne de Bourbon geht es jedenfalls weiter, daß
an ihrem Grabe ein Stein mit der Inschrift "Hüte dich, Vater der
Väter, das Gebären der Päpstin zu verraten" stehe. Der
Text schließt: "Seht, zu welch verabscheuungswürdigem Ende
eine so unbesonnene Vermessenheit führt!" Der sterbende Herzog Heinrich
von Brabant verordnet, daß alle Wucherer aus seinem Lande zu vertreiben
seien. Seine Witwe entscheidet sich dann aber - nachdem sie den Rat von Thomas
von Aquin eingeholt hat - zur Toleranz.
Ca.: In Lyon stirbt Stephanus de Bellavilla (Stephanus de Borbone, Étienne
de Bourbon), ein Inquisitor, der in seinen letzten Jahren als Hauptwerk der
"Tractatus de diversis materiis praedicabilibus" (auch "De
septem donis spiritus sancti") ist. Diese etwa 3000 Erzählungen
sind zum Teil anderen Quellen entnommen (Bibel, Antike, Heiligenlegenden,
Vitae patrum, Isidor, Petrus Alfonsi), zum Teil berichten sie aber auch von
Erlebnissen während seiner Reisen und gestatten damit einen Einblick
ins Volksleben.
1262
Ende der bischöflichen Herrschaft in Straßburg. Der Lübecker
Rat errichtet gegen den Widerstand der Kirche die Lateinschule bei St. Jacobi
für Kaufmannssöhne. Sie wird von der Stadt bezahlt. Der Magistrat
von Siena droht den Teilnehmern an einem Pferderennen mit rechtlichen Konsequenzen,
wenn sie beim Rennen schwere oder tödliche Verletzungen verursachen.
Die von Rainer von Modena (einem weiteren Heiligen) gegründete Geißelgesellschaft
veranstaltet eine Geißelprozession nach Modena, an der viele angesehene
Personen teilnehmen. Die venezianischen Kaufleute Maffio und Niccolo Polo
reisen erstmalig nach China.
1263
Markgraf Heinrich der Erlauchte von Meißen veranstaltet zu Nordhausen
ein Turnier. Erster Preis: Ein Schlachtroß mit prächtigem Sattel
und Zeug, dazu eine 20 Pfund schwere silberne Rüstung, ein Schwert mit
goldenem Griff, nebst dergleichen Wehrgehänge und Sporen. Zweiter Preis:
Schlachtroß, Schwert, Wehrgehänge und Sporen. Dritter Preis: ein
Schlachtroß und eine schwere goldene Kette mit einem Schaupfennig. Die
Bewohner von Düsseldorf erhalten das Recht, eine Fährstelle am Westufer
der Altestadt <sic!> zu errichten. Der Ort hat wohl nicht besonders
viel davon, denn solche Übergänge sind häufig und das Land
am anderen Ufer gehört dem Erzbischof von Köln. In Lübeck ist
die Möglichkeit der Überprüfung der stadtgerichtlichen Urteile
durch den Rat als eine Art Obergericht bereits als feste Einrichtung bezeugt.
In Stettin ist ein Stadtrat belegt, den es vermutlich schon seit 1254 gibt.
In diesem Jahr zählt er zehn Mitglieder (1302: 14; seit 15. Jh.: 16).
Ramon Lull, ein Freund und Gefolgsmann von Jaime von Mallorca, der bisher
wohl ein recht liederliches Leben geführt haben soll, bekehrt sich nach
einer Vision und verfaßt bald darauf das "Libre del ordre de cavayleria",
eine Abhandlung über das Rittertum, die sehr erfolgreich wird.
Bis 1315: In der Gegend von Nizza vermehrt sich die Zahl der Haushalte von
440 auf 722, ein Zuwachs von 0,95% pro Jahr. (vgl. 1377)
1264
Die Pisaner veranstalten vor den Mauern des belagerten Florenz Wettläufe.
Mainz und Nürnberg bestätigen ihre gegenseitige Zollbefreiung.
1265
In Rottweil ist ein Rat bezeugt. In Xanten gibt es Kegelbrüder: eine
Handschrift erwähnt "fratres kegelorum". Es handelt sich um
eine Art Gilde, die eine Aufnahmegebühr in Naturalien verlangt. Die Kegelbahn
soll direkt neben dem Dom gewesen sein. Ursprünglich wird nur mit einem
Kegel, später mit elf gespielt. In Aachen sind gepflasterte Straßen
nachgewiesen. Für dieses Jahr ist eine der ältesten Sühnewallfahrten,
und zwar nach Aachen nachgewiesen. Solche Wallfahrten werden zum Seelenheil
der Getöteten unternommen, nicht zur Besserung der Täter. Dresden
erhält ein Franziskanerkloster. Nach dem Tode Urbans IV. wird Clemens
IV. neuer Papst (bis 1268). Er gewährt mit wachsender Freizügigkeit
Ablässe und verordnet einen allgemeinen Vorbehalt aller frei werdenden
Kurialpfründen.
Ca.: In Hamburg wird der "Barbarossa-Freibrief" gefälscht (auch
inhaltlich verändert), weil es für die Privilegien von 1189 offenbar
keine (erhaltene?) Urkunde gibt.
1266
Erzbischof Engelbert II. von Köln erneuert in der ganzen Diözese
die Privilegien der Juden (die verletzt worden waren). Münzen: Aus dem
Solidus wird der Schilling. Magister Gerhard, der Pfarrer von St. Stephan
in Wien gründet ein Leprosenhaus bei dem Klagbaum an der Wieden. Ludwig
der Heilige läßt eine "große" Silbermünze
prägen, den Gros tournois im Werte von zwölf turonischen Denaren.
Diese "große" Münze ist für Jahrhunderte nur eine
reine Rechnungseinheit gewesen. Der Gros tournois ist aus reinem Silber, während
der Denar sich ständig verschlechtert. Ludwig gibt außerdem eine
Goldmünze heraus, den Denier d'or à l'écu vom gleichen
Gewicht wie dier Gros tournois. Schon im Namen zeigt sich sich die hartnäckige
Vorstellung, daß die einzige Münze der Denar sei, daher auch der
unsinnige Begriff "Golddenar". Dieser Écu ist zehn Sous tournois
wert, womit schlichtweg festgesetzt wird, daß Gold zehnmal soviel wert
ist wie Silber. Von dieser Währung sind nur sehr wenige Münzen erhalten.
Vielleicht werden nur wenige in Umlauf gesetzt oder sie werden heimlich eingeschmolzen.
Es hat jedoch Ludwig der Heilige mit dieser Münze gezeigt, daß
er Gold prägen kann wie die byzantinischen Kaiser und die (zum Reich
gehörigen) italienischen Städte. In diesem Jahr, wie auch bereits
1263, regelt der französische König die Währung durch eine
große Verordnung: Der König hat das alleinige Recht auf Münzprägung
und auf den Gewinn aus den Prägungen sowie das Recht, die Währung
anzugleichen (entgegen landläufiger Ansicht meist ein Verlustgeschäft).
Die Währung des Königs ist im ganzen Lande obligatorisch, während
die Prägungen der Landesherren nur in deren lokalem errschaftsbereich
gelten. Die Barone dürfen nur Münzen prägen, die vom Gewohnheitsrecht
sanktioniert sind - also nur alte Denare, die bald nur noch als Hilfswährung
dienen. In England legt eine Brotverordnung (Assize of Bread) Gewichte und
Preise verschiedener Brotsorten fest. Wer zu leichtes Brot backt, wird an
den Pranger gestellt. Die Mongolen unter Kublai Khan setzen arabische Techniker
ein.
1267
Das Wiener Konzil bezieht sich wörtlich auf das 4. Laterankonzil (von
1215) und verkündet die Judenkanones, darunter die Verpflichtung, den
Judenhut ("cornutus pileus") zu tragen, um sexuelle Kontakte mit
Christen zu verhindern. Das Würfelspiel auf dem St.-Stephans-Friedhof
(!) wird untersagt. Zur Baseler Fastnacht sind etliche Edelleute in der Stadt,
die durch "Galanterie" (J. Scherr) über die Stränge schlagen,
worauf sich die Baseler erheben und ihrer nicht wenige erschlagen oder verwunden:
"Etliche wurden den schönen Jungkfrawlein in dem Schoß zerhauen".
1268
Die Leipziger Messe, die bereits seit 97 Jahren stattfindet, erhält ein
kaiserliches Privileg. In Hamburg wird bestimmt, daß die Baulinie der
Fassaden und Bauteile der Häuser den Gewässern und Straßen
folgen müssen. Die Rheinbrücke zu Basel (282 Schritt lang) wird
schwer beschädigt. In Avignon entsteht die Geißelbruderschaft der
Grauen Büßer. (Solche Vereinigungen werden erst im 16. Jh. dort
ihre Blütezeit erleben.) Die italienische Stadt Fabriano in der Mark
erhält Papiermühlen. Es stirbt der englische Rechtsgelehrte Bracton.
Sein fünfbändiges Werk "Über die Rechte und Rechtsgewohnheiten
Englands" bleibt bis ins 18. Jh. hinein Handbuch des Common Law.
1269
Die Geißelbruderschaft von Bologna will eine Geißelprozession
in größerem Umfang durchführen, was aber durch das Mißtrauen
der Ghibellinen verhindert wird. Der Marchese Obizzo von Este und die Räte
von Ferraro erlassen strenge Verordnungen dagegen. Pierre de Maricourt, genannt
Petrus Peregrinus verfaßt ein Werk über den Magnetismus: "Epistola
Petri Peregrini Maricurtensis de Magnete". Darin befindet sich auch die
Zeichnung eines Kompasses mit arabischen Ziffern sowie u.a. folgender Satz:
"Ich habe viele Männer gesehen, die sich auf der Suche nach der
Erfindung dieses Rades [des perpetuum mobile] aufrieben." Diese Schrift
bleibt offenbar einziges Standardwerk über den Magnetismus bis 1600 (durch
William Gilbert, der Teile von Maricourts Werk übernahm). Maricourt ist
der Lehrer von Roger Bacon.
1270
Als in St.-Maximin in der Provence neue Reliquien von Maria Magalena gefunden
und vom Papst für echt erklärt werden, bricht die bisherige Wallfahrt
nach Vézelay, wo sich bisher die Reliquien von Maria Magdalena befunden
haben, zusammen. Mit der Errichtung eines Dammes, der die Amstelmündung
von dem Ij genannten Zuiderzee-Arm trennen soll, beginnt die Geschichte von
Amsterdam. In Hamburg tritt das "Ordeelbook" (Urteilsbuch) in Kraft,
ein Gesetzbuch, geschaffen von Jordan von Bolzenburg. Beispiel für die
Motivierung der Ostsiedlung durch Abgabenfreiheit: Der Bischof von Olmütz
gewährt den Siedlern des bei Mährisch-Ostrau gelegenen Dorfes Fritzendorf
zwölf Jahre Abgabenfreiheit, jenen aber, deren Felder sich "gegen
Staritsch erstreckt(en)", 16 Freijahre, "weil die Äcker dort
schlechter als die anderen sind." Im 13. Jh. schwankt die Zahl der abgabenfreien
Jahre für Siedler zwischen einem und 20. Philipp III. der Kühne
prägt Goldmünzen: den Denier à la reine. Ludwig IX. von Frankreich
gelingt es, seinen unruhigen Bruder Karl von Anjou zu einem Kreuzzug nach
Tunis umzuleiten. Auf diesem siebten und letzten Kreuzzug stirbt er selbst
an der Dysenterie. Alphons von Poitiers finanziert die teilnahme am Kreuzzug
durch den Verkauf von Holz und indem er seinen Leibeigenen erlaubt, sich freizukaufen.
Ende der Hochgotik. Allein in Frankreich sind bisher etwa 80 Kathedralen und
zahlreiche kleinere Kirchen im gotischen Stil gebaut worden.
Ca.: Mindestanforderungen an Priester nach einer Schrift des Straßburger
Dominikaners Ulrich Engelberti: Ein Priester muß über wenigstens
soviel Grammatikkenntnisse verfügen, um die Worte der Messe richtig zu
betonen und auszusprechen. Von dem, was er vorlese, soll er wenigstens den
Sinn verstehen. Das institutionenferne Mittelalter kennt für das Priesteramt
keine geregelte Ausbildung (der Priester darf lediglich nicht "illiteratus"
sein) und kein durchgängig geregeltes Prüfungsverfahren.
Ca.: Tod von Guillelmus Peraldus, welcher jegliches Hören von Musik für
besorgniserregend gehalten hat, weil dadurch das menschliche Gemüt verweichlicht
würde.
Ca.: In Steyr existiert eine Waldensergemeinde mit Schule.
Ca.: In einem Dominikanerkloster in Genua verfaßt Jacobus a Voragine
(später Erzbischof von Genua) die "Legenda aurea", die bekannteste
christliche Legendenkompilation (über 200 Legenden).
Ca.: Entstehung des Epos von der Rabenschlacht im österreichisch-bayerischen
Sprachraum (wohl Tirol). Dieses Werk bildet mit "Dietrichs Flucht"
zusammen das "Buch von Bern" (Dietrichsepik).
Ca.: Jean de Meung verfaßt den zweiten Teil des "Roman de la Rose",
eine fast schon parodistische Fortsetzung.
Ca.: Der Salzburger Pleier verfaßt das Epos "Garel vom blühenden
Tal". Ca.: Der Marner, ein wandernder Dichter, wird offenbar ermordet.
Ca.: In Zürich entsteht eine Liederhandschrift, die zum Vorbild für
die spätere "Große Heidelberger Liederhandschrift" (Codex
Manesse) wird.
Ca.: Aus dieser Zeit stammt das älteste erhaltene Exemplar eines Topfhelmes,
gefunden bei Dargen auf Usedom.
Ca.: Deutsche Kaufleute vereinbaren mit Khan Möngke Temur direkte Handelsbeziehungen
unter Ausschaltung des russischen Zwischenhandels.
Ca.: Bei der Belagerung von Fan-tsching setzen die Mongolen Feuerwaffen ein.
1271
Graf Meinhard II. von Tirol (oder: von Görz in Tirol) läßt
in Meran erstmals eine neue Silbermünze prägen: den Kreuzer oder
Zwainziger. Eine Seite zeigt ein Doppel- oder Radkreuz. Der Wert beträgt
20 "Berner" (Veroneser Pfennig). Aus der Basler Bauleutezunftordnung:
"In dirre selben zunf sint die vrowen als die man." (Die Frauen
gelten soviel wie die Männer.) Robertus Anglicus erwähnt in einem
Kommentar zur "Sphaera" des Sacrobosco einen Wandel der Zeiterfahrung
und Zeitvorstellung. Bisher sind Tag und Nacht in je zwölf Stunden eingeteilt,
deren Länge je nach Jahreszeit variiert. Nunmehr gehe man zu gleichlangen
Stunden über. Er beschreibt auch die Herstellung einer solchen mechanischen
Uhr, doch sei es noch nicht gelungen, ein Rad herzustellen, das eine vollständige
Umdrehung für jeden Äquinoktialkreis vollbringt. Dresden erwirbt
den Marktzoll. In Stettin sind Juden nachgewiesen, die hier aber nie besonders
zahlreich sind. Bis 1286: Der Hofdichter Ulrich von Etzenbach verfaßt
die "Alexandreis", einen Alexanderroman, gewidmet dem böhmischen
König.
1272
Es stirbt Berthold von Regensburg. Er hat sich z.B. gegen die Wallfahrt von
Frauen ausgeprochen, weil sie mehr Sünden als Ablaß und Buße
mit nach Hause brächten, oder gegen den Aufwand an der Kleidung (daß
etwa die Schneiderarbeit soviel koste wie das Tuch dafür - was übrigens
viel zu hoch gegriffen ist). Es stirbt David von Augsburg. Er hat vor falschen
Wundern und Visionen gewarnt. In Wismar werden Stadtbücher geführt.
Breslau erhält eine "Wasserkunst" (Wasserversorgungsanlage).
Erste maschinelle, von Wasserkraft betriebene Vorrichtung zum Zwirnen von
Seide in Borghesano. Der Chor der Kathedrale von Beauvais ist fertig. Er hat
die Rekordhöhe von 48 Metern, wird aber nur zwölf Jahre halten.
1273
Die Stadt Leipzig übernimmt gegen eine Zahlung von 30 Mark Silber die
markgräfliche Münzstätte. In Augsburg gibt es ein Frauenhaus
(Bordell). Dinkelsbühl wird Reichsstadt. Dinslaken wird von Graf Dietrich
VII. von Kleve zur Stadt erhoben. In England werden etwa acht Millionen Schafe
gezüchtet, welche dieZentren der Wollindustrie in Flandern und Florenz
mit 32743 Säcken Schurwolle (Gewicht etwa 3500 Tonnen) versorgen. Das
Abhalten jeglicher weltlicher Gerichte innerhalb von Kirchen wird verboten.
Neuer König wird Rudolf I. (55; bis 1291).
1274
Es stirbt Thomas von Aquin. Um seine Reliquien zu erhalten, wird seine Leiche
vom Kopf getrennt, gekocht und präpariert. Es stirbt Bonaventura (alias
Johannes Fidanza), italienischer Franziskaner, Kirchenlehrer, Ordensgeneral
und Kardinal. Von ihm stammt folgender Satz: "Was das Wesen des Ebenbildes
Gottes in der Seele und in deren Vermögen angeht, so gibt es zwischen
Mann und Frau keinen Unterschied."Das Provinzialkonzil von Salzburg weist
an, das Tragen langer Haare, nicht geschlossener Kleidung, silberner Gürtel
und Schnallen sowie geschwänzter Hüte zu unterlassen. Für die
Verbrämung der Kopfbedeckung wird schwarzes Schaffell vorgeschrieben.
Das zielt auch auf den Klerus. Die Rheinbrücke von Basel wird erneut
beschädigt. Rothenburg ob der Tauber wird Reichsstadt. An der Sorbonne
zu Paris haben die Mitglieder die vollständig geschlossene Tunika (cappa
clausa) zu tragen, und zwar in Schwarz, Blau oder in einer anderen bescheidenen
Farbe. Für den großen Wald Schwaderloch am Bodensee, wo die umliegenden
Dörfer und Grundherren lange Zeit umfangreiche Schweinemastrechte besessen
haben, wird die Zahl der Schweine begrenzt, die in den Wald getrieben werden
dürfen, um einer Überweidung vorzubeugen.
1275
Papst Gregor X. fordert Rudolf von Habsburg auf, in einem Dekret alle weiteren
Turniere zu verbieten. Grund für die häufigen kirchlichen Turnierverbote
ist die Befürchtung, die Ritter könnten plötzlich ohne Sterbesakramente
umkommen. Rudolf indessen dürfte dieses Verbot kaum ernsthaft beachten,
da er mehrmals selbst zum Gestech angetreten ist. In Regensburg wird mit dem
Bau des neuen Doms begonnen, einer gotischen Kathedrale nach französischem
Vorbild, aber mit bedeutenden Sonderformen. In Dreden wird die hölzerne
Brücke über die Elbe zerstört. In einem Schreiben an König
Alfons X. von Kastilien beklagt sich der Troubadour Guiraut Riquier darüber,
daß selbst höfische Dichter und Sänger wie er selbst als "Jongleure"
bezeichnet werden. Mit diesem Begriff sollten aber nur jene bezeichnet werden,
"welche sich überschlagen, Affen tanzen lassen und einen sittenlosen
Lebenswandel führen." Mit dem Zollprivileg des Grafen Floris V.
von Holland wird den Bewohnern des fischerdorfes Amtelledamme (Amsterdam)
freie Fahrt und freier Handel mit eigenen Waren in der Grafschaft Holland
gewährt.
Ca.: Der Rhein verlagert sein Flußbett, wodurch die Zollstätte
Duisburg (Mitglied der Hanse) ihre Lage am Fluß verliert.
Ca.: Es entsteht das arabische Kriegsbuch des Hassan ar-Rammah, worin auch
Feuerwaffen und Explosivstoffe beschrieben werden.
Ca. (oder 1295/96): Entstehung des Epos "Dietrichs Flucht"; der
Erzähler (Bearbeiter?) nennt sich Heinrich der Vogelaere.
Ca.: Jacobus de Cessolis verfaßt "Liber de moribus hominum et officiis
nobilium", worin einem König folgende Lehre gegeben wird: "Ich
hoffe, daß du während deines Regiments ein anderer wirst, so daß
du über dich selbst gebietest, bevor du über andere mit Gewalt statt
mit Recht gebietest. Es ist nicht rechtens, daß du über andere
herrschen willst, solange du nicht über dich selbst herrschen kannst."
[Ed. E. Köpke 1879, S. 2]
Bis 1292: Marco Polo (der Neffe Niccolo Polos) dient in Peking in der mongolischen
Verwaltung unter Khubilai.
1276
Ein Brand in Wien läßt angeblich nur 100 Häuser beim Kärntnertor
verschont, so daß der Landesherr, König Ottokar von Böhmen,
den Bürgern fünf Jahre lang Steuer- und Mautfreiheit gewährt
und einen Wald zum Wiederaufbau schenkt. In Lübeck wird die Verwendung
von leicht brennbarem Material zum Dachdecken verboten. Das Augsburger Stadtbuch
erwähnt - erstmals für Deutschland - einen professionellen Henker.
Dieser hat neben dem Vollzug der Leibstrafen auch noch andere Aufgaben. Er
soll nämlich auch die "varnden freulein us der stat triben, daz
si tages und nachtes keine bosheit in der Stadt tun mit unkeusche". Sie
dürfen nur ihre Verpflegung in der Stadt kaufen. Aus dem Augsburger Recht:
"Wer sein Kind kein Handwerk läßt lernen, es sei Sohn oder
Tochter, was Lohn dem verheißt, kommt er zu klagen, das soll ein Burggraf
richten, als die Schuld beschaffen ist." Hier wird außerdem die
Reinhaltung der "drei Leche" (Stadtbäche) vor, um die Mahl-
und Sägemühlen nicht zu beeinträchtigen. In Basel spannt ein
Seiltänzer sein Seil vom Münsterturm bis zum Hof des Domkantors.
Seit 1276 bürgert sich der grossus turonensis, auf Deutsch Groschen genannt,
im Tal der Mosel ein, von wo er sich bald nach dem Rhein und den Niederlanden
ausbreitet. Seit diesem Jahr stellen die Nonnen des Klosters von Chiusi jedes
Jahr einen Stier für den Stierkampf auf dem Jahrmarkt von Perugia. Dies
als Beispiel, daß die Kirche dem Stierkampf zuweilen gar Vorschub leistet.
Ramon Lull beginnt im Franziskanerkolleg zu Miramar zu lehren.
1277
Die vor den Toren der Stadt Sultz hausenden Dirnen ("metrices silvestres")
vertreiben ihre in der Stadt ansässigen Konkurrentinnen ("metrices
domesticae") mit Knüppeln. In Uri wird ein angeblicher Nekromant
brutal vertrieben, der in den Bergen nach Erzadern gesucht hat. Man hat einen
Hagelschlag als Strafe Gottes für das Antasten der Natur angesehen. Der
Erzbischof von Paris spricht ein strenges Verdammungsurteil über alle
"Bücher, Schriftrollen oder sonstige Schriften, die von der Nigromantie
handeln oder von zauberischen Experimenten, Dämonenbeschwörungen
oder anderen Zeremonien, die den Seelen gefährlich sind". Ausfuhr
der englischen Wolle: durch Italiener 29%, Franzosen 21%, Holländer 20%,
Deutsche 11%. Eine genuesische Galee (galeerenartiges Schiff) unter Nicolozzo
Spinola erreicht Brügge. Erste Erwähnung des Mainzer Rathauses.
1277/1279
Aegidius Romanus verfaßt den "Fürstenspiegel".
1278
Ein Fall von Tanzwut in Utrecht: Auf einer Brücke wollen 200 Leute nicht
eher aufhören zu tanzen, bis ein Priester eine Hostie zu einem Kranken
vorbeiträgt, doch dummerweise ist offenbar gerade kein Kranker zur Hand.
Als sie immer wütender auf der Brücke tanzen, bricht diese und die
Tänzer sollen ertrunken sein. Rudolf von Habsburg unterstellt die Prostituierten
("hübschlerinnen") der Aufsicht des Henkers. Sie haben wöchentlich
einen Grundzins von zwei Pfennig zu entrichten (jeweils am Samstag) und müssen
danach die Stadt verlassen, weil sie sich an Sonntagen dort nicht aufhalten
dürfen. Sie dürfen auch während der Fastenzeit Wien nicht betreten-bei
Strafe des Nasenabschneidens. (Solch barbarische Strafen werden zwar immer
wieder angedroht, aber ob sie vollstreckt worden sind, ist eine andere Geschichte.
Zudem scheinen sich diese Bestimmungen auf Wien zu beschränken.) Steyr
erhält die landesfürstliche Eisenmaut. Es stirbt Martin von Troppau,
Verfasser des "Chronicon", einer Weltchronik.
Bis 1296: Entstehung des Wiener Stadtrechtes. Hier wird erstmals das Amt des
Spielgrafen erwähnt, als eine Art Gerichtsbarkeit für alle Fahrenden
(insonderheit die Spielleute). Dieses Amt ist für manche Städte
bezeugt (Wien, Regensburg, Hamburg, Lübeck, Königsberg).
Bis 1351: In England wird der Long-cross Sterling (englischer Pfennig) vom
Edwardian Sterling abgelöst. Diese Münze wird vor allem Frankreich,
Luxemburg, den Niederlanden, Rheinland, Westfalen und Skandinavien nachgeahmt.
(Vgl. 1180, 1247)
1279
Philipp III. von Frankreich verbietet den Bürgern das Tragen von Pelzwerk
und Goldschmuck. Es ist die erste französische Kleiderordnung. Den Edlen
werden im Jahr vier Paar Pelzröcke - nur den Vornehmsten fünf -
verstattet. Nach der englischen Zählung der "Hundred Rolls"
besitzen etwa 20% der Bauern und 10% der freien Pächter soviel Land,
daß man sie zur Gruppe der vermögenden Bauern (die Überschüsse
erwirtschaften und gar Geld verleihen können) zählen kann. Edward
III. von England gibt eine "große" Silbermünze im Wert
von zwölf Denaren, den Groat heraus.
1280
Vor 1280: Roger Bacons "Wunder der Natur und der Kunst". Er behauptet,
man könne mit zwölf Brennspiegeln die Sarazenen und Tartaren vertreiben.
"Man kann auch Geräte bauen, in denen entfernte Dinge sehr nahe
erscheinen. Man kann auch sehr kleine Buchstaben aus unglaublichen Entfernungen
lesen und winzige Gegenstände zählen. Mit Hilfe großer Spiegel
kundschaftete Caesar vom gallischen Ufer aus die Beschaffenheit und den Standort
von Lager und Städten der Bewohnerdes kleinen Britanniens aus."
Ein Brand zerstört in Tübingen etwa 150 Häuser. Erste Erwähnung
des Spinnrades in einer Verfügung der Stadt Speyer. wobei seine Verwendung
wegen mangelnder Qualität des damit erzeugten Garnes eingeschränkt
wird (oder erst 1298). Größe und Qualität des Tuchs wird in
Speyer kontrolliert, um die Armen vor Betrug zu schützen. Aus diesem
Jahr stammt die älteste Bewilligung (der Niederlande) für das Recht,
Darlehensgeschäfte zu eröffnen. Im Urbar der Habsburger werden für
Österreich 15 landesherrliche Städte genannt. Im englischen Ulgham
kommt bei einem Fußballspiel der Spieler Henry de Ellington ums Leben,
als er mit einem Gegenspieler namens David de Ken zusammenstößt
und sich durch dessen heraushängendes Messer eine Verletzung zuzieht,
an welcher er nach einigen Tagen stirbt. Der Mönch Gutolf von Heiligenkreuz
verfaßt die "Translatio sanctae Delicianae", eine Beschreibung
von Wien und Umgebung. Er rühmt die Donau am nördlichen Stadtrand;
auf den Berghängen wächst Wein und im Westen ist ein Jagdgebiet.
Am Wasserlauf gibt es blühende Gärten. Mit einem schneereichen Winter
und Überschwemmungen beginnt in Böhmen eine mehrjährige Krise,
zunächst mit Teuerung. In einer Rechnungsaufstellung über die Arbeiten
in der zisterziensischen Abtei von Vale Royal in England werden 29 religiöse
Feiertage erwähnt. Es stirbt Albertus Magnus (87). Er hieß eigentlich
Albrecht Graf von Bollstädt und war Dominikaner, Leiter des Studium generale
zu Köln und Bischof von Regensburg, wird gerühmt als Theologe, Philosoph
und Naturforscher, war aber auch an Alchemie, Astrologie und "Hermetismus"
interessiert, wodurch er in der Legende später zu einem Magier wird.
Er war der bedeutendste deutsche Vermittler und Kommentator von Aristoteles.
Ca.: In Pisa wird (wahrscheinlich) die Brille erfunden, eventuell von Salvino
Armato (oder von Alessandro Spina).
Ca.: Beginn der Ummauerung von Salzburg.
Ca.: Entstehung von Ortolfs "Arzneibuch". Dieses Werk ist in über
400 Fassungen (hauptsächlich ab dem 15. Jh.) überliefert.
Bis 1417: In der päpstlichen Kanzlei wird als Jahresanfang wieder der
25. Dezember verwendet.
1281
Bildung einer Hanse. Aufstand in Wien, welches im Niederlagsprivileg Albrechts
I. "des riches houptstat in Osterrich" genannt wird. Das Konzil
von Köln verbietet den geistlichen Herren rote und grüne Stoffe,
Schmuckärmel und Schnürschuhe. Artikel 32 des bayerischen Landfriedens:
Niemand soll eine Burg haben, er habe sie denn ohne des Landes Schaden. Eine
Kölner Synode beschließt, daß die Taufbrunnen verschlossen
werden müssen, um abergläubische Exzesse mit dem Taufwasser zu verhindern.
(vgl. 1513) Rudolf von Habsburg bestimmt per Erlaß, daß Spielleute
nicht mehr als Kläger oder Zeugen vor Gericht erscheinen dürfen.
Alexander von Roes führt in Köln den offensichtlichen Machtverlust
des Reiches darauf zurück, daß unter den Staufern das Einvernehmen
zwischen Kaisertum und Papsttum zerbrochen ist und die Staufer das Reich nur
noch mit ihrer oberdeutschen Umgebung regieren, ohne die vornehmen rheinischen
und niederdeutschen Fürsten an den Entscheidungen zu beteiligen. Nicht
Fürstenegoismus, sondern der Partikularismus der Herrscherdynastie erscheint
ihm als Ursache für den Niedergang von Kaisertum und Königsherrschaft.
1282
Ältestes bekanntes Wasserzeichen auf Papier - aus Bologna. Hungersnot
in Böhmen. In Prag werden acht Massengräber angelegt, jedes angeblich
zehn Ellen im Quadrat und je 1000 Leichen fassend. Solche phantastischen Zahlen
sollen vor allem Eindruck machen. Bischof Tobias von Prag läßt
bei seiner Priesterweihe und am Jahrestag seiner Bischofsweihe nach dem Brauch
seiner Vorgänger eine 220 Pfund schwere Wachskerze in der Domkirche aufstellen.
Der Priester von Inverkeithing wird vor seinen Bischof zitiert, weil er an
Ostern einen Fruchtbarkeitstanz um ein phallisches Götzenbild angeführt
haben soll. Er darf seine Pfründe behalten. [Nach den Chronicles of Lanercost,
Ed. Stevenson, S. 109] Erste Erwähnung einer Tuchmacherzunft zu Brüssel.
Die Stadt wird im 13. Jh. von sieben Patrizierfamilen regiert.
1283
Ein Leprösenhaus in Frankfurt wird erwähnt. In Bordeaux wird alles
für einen Zweikampf zwischen Karl von Anjou und Peter von Aragon gerüstet.
Er findet freilich nicht statt, aber angekündigte und nicht stattfindende
Fürstenzweikämpfe scheinen eine gängige Praxis zu sein. Durch
den Zusammenschluß von nahezu autonomen Kirchspielen entsteht die "Universitas
terrae Dithmarciae". Die Dithmarschen haben eigene Gerichtsbarkeit, Satzungshoheit
und Gewalt über Krieg und Frieden, während der Bischof von Bremen
nur noch eine formale Oberhoheit ausübt.
1283/1299: Nach Seifried Helbling bewirkt der Birnenmost, das damalige bayerische
Nationalgetränk, bei Heiserkeit (durch Versetzen mit Heilkräutern?),
daß "diu kel wider würde heiter unde hel".
1284
Häufig genanntes Datum für die erste Räder-Turmuhr. 5. August:
In Hamburg wütet ein verheerender Brand. Die Stadt hat etwa 5000 Einwohner.
In Florenz wird mit dem Bau einer neuen Stadtmauer begonnen; sie umfaßt
über 600 Hektar Land. Zum Vergleich: Die Mauer von 1172 hat nur 80 Hektar
umschlossen. Die Florentiner veranstalten vor den Mauern des belagerten Arezzo
Wettläufe. In der Kathedrale von Beauvais stürzt das Schiffsgewölbe
ein (Es hatte die Rekordhöhe von 48 m). Offenbar gab es Fehler im Strebewerk,
denn der Bau ist bis heute nicht zur Ruhe gekommen. Man verdoppelt nun die
Anzahl der Pfeiler. Venedig gibt erstmals Goldmünzen aus: Die Münze
heißt nach der Münzstätte (Zecca) "Zecchino" (Zechine);
ihr zweiter Name Dukat(en) leitet sich von dem letzten Wort der Umschrift
ab: "Sit tibi Christe datus quem tu regis iste ducatus" (Dieses
Herzogtum, das du regierst, sei dir, Christus, geweiht). Der Zecchino wird
von diesem Jahr bis 1797 mit unverändertem Gepräge, Gewicht und
Feingehalt geschlagen. "Dukat" bezeichnet in der Folgezeit auch
alle Nachprägungen, deren Schrot und Korn konstant bleibt. Nach der Seeschlacht
bei Meloria gegen die Genueser büßt Pisa seine Machtstellung ein.
Es verstirbt König Alfons X. (der Weise) von Kastilien.
1285
Frankfurt, Friedberg, Wetzlar und Gelnhausen schließen sich zum Wetterauischen
Städtebund zusammen. In London stellt ein königlicher Untersuchungsausschuß
fest, daß die Luft durch Kohlenrauch "verunreinigt und verdorben
(sei) und eine Gefahr für alle darstelle, die solche Landstriche bewohnen".
Beim Turnier von Chauvency ist die Dame d'Aspremont mit einem surcot (Obergewand)
bekleidet, welcher die Wappenfarben ihres Ehemannes zeigt. Damen tragen gelegentlich,
meist beim Turnier, die Farben ihres Mannes, Vaters oder Favoriten (vgl. 1290-1300).
Das englische Parliament erläßt das Statute of Merchants (das mit
dem bereits 1283 erlassenen Statute of Acton Burnell in Zusammenhang steht).
Die Präambel begründet die strengen Bestimmungen auf englischem
Boden damit, daß fremde Kaufleute nicht nach England einreisen sollen,
um dort Handelsgeschäfte abzuschließen, wenn sie nicht über
ein Vermögen verfügen, das sie zu Schuldzahlungen befähigt.
In den größeren Städten wird dies durch die Einrichtung von
Verfahren zur Schuldregistrierung und durch Anheftung eines königlichen
Siegels an den Schuldschein gewährleistet. Nach den noch härteren
Verordnungen von 1285 wird der Schuldner, wenn der Schuldschein nicht eingelöst
worden ist, sofort in Haft genommen und erst nach Zahlung der Schuld wieder
freigelassen. Wenn die Bezahlung nicht innerhalb von drei Monaten erfolgt,
wird der Schuldner seiner beweglichen Habe und auch der Verfügung über
seine Ländereien für verlustig erklärt. Der Wert seines Besitzes
wird geschätzt und der Gläubiger erhält für die Jahre,
die zur Tilgung der Schuld erforderlich sind, gemäß der im Statute
of Merchants gewährten Besitzform ein Eigentumsrecht an dem Besitz. Das
Statut kann von laien und Klerikern in Anspruch genommen werden, während
für Juden andere Vorschriften gelten. Es findet auch in Irland Anwendung.
Bis 1315: München erhält einen zweiten Befestigungsring.
1286
Nach einem verheerenden Brand in Zürich behauptet ein Mönch, ein
vom Teufel Besessener habe das Ereignis - eine Strafe für den Hochmut
der Zürcher - vorher angekündigt. Das Kanalsystem von Salzburg wird
erweitert. Es wird bald als Almkanal bezeichnet. Die Stadt Lübeck erhält
die Patronatsrechte an der Marienkirche und darf dadurch den Pfarrklerus ein-
und absetzen. Seit diesem Jahr veranstalten die Fürsten von Schlesien
zu Schweidnitz Schießwettbewerbe. Die dortige (wahrscheinlich später
gegründete) Schützengesellschaft leitet davon ihren Anspruch ab,
die älteste deutsche Schützenvereinigung zu sein. Es gibt Wassermühlen
in Berlin. Regensburg tritt dem Rheinischen Städtebund bei. Rudolf belagert
von einer Wagenburg aus Stuttgart. Die Stadt wird zur Schleifung der Mauern
gezwungen.
1287
Die Lucia-Flut an der Nordseeküste soll angeblich 50000 Opfer gefordert
haben. Erstes Salzburger Stadtrecht. Ältestes Stadtprivileg von Steyr.
In Dresden ist eine neue Brücke über die Elbe mit steinernem Unterbau
bezeugt (vgl. 1275). Steyr wird Eisenniederlage für Innerberger Eisen
und Holzstapelplatz (oder ist als solches bezeugt). Der Burgfried Steyr wird
vom Landgericht eximiert. Freie Richterwahl besteht in der Stadt bereits.
Judenverfolgung in Bern. Der sizilianische Dichter Guido de Columnis verfaßt
die "Historia destructionis Troiae". In Mailand gibt es 400 Notare,
200 Richter, 200 Ärzte, 80 Schulmeister, 50 Briefschreiber, 10000 Ordensleute,
3000 Mühlen, 1000 Tavernen, 150 Spitäler, 1345 Kirchen mit 120 Glockentürmen
und 3000 kleinere Altäre. (Man bedenke: Es sind nur überlieferte
Zahlen.) Ein Erlaß des böhmischen Königs verbietet den Pragern,
bei Tag und Nacht Waffen zu tragen (falls nicht bestimmte finanzielle Voraussetzungen
gegeben sind) und Messer in Schuhen oder Strümpfen zu verbergen. Wer
wiederholt erwischt wird, bekommt die Hand durchbohrt oder wird der Stadt
verwiesen.
1288
Handwerkeraufstand in Toulouse. In Mainz ist eine Ärztin bezeugt. Aufstand
in Wien. In Abbeville ist das Spinnrad bezeugt. Die Kölner besiegen in
der Schlacht von Worringen ihren eigenen Erzbischof. Dieser, gefangengenommen,
muß muß die Freiheiten der Stadt beschwören, die dadurch
de facto zur Freien Reichsstadt wird. 14. August: Graf Adolf VII. von Berg
erhebt nach der Schlacht bei Worringen Düsseldorf zur Stadt. Der Ort
hat allerdings nur eine einzige Straße. Man beginnt mit dem Neubau einer
Stiftskirche (St. Lambertus; erste Bauphase um 1350 beendet). Der Erzbischof
von Köln (Siegfried von Westerburg) gesteht der Stadt Rheinberg als Dank
für die Unterstützung bei der Schlacht von Worringen (trotz der
Niederlage) die Zollrechte zu. Bonvesin della Ripa verfaßt "De
magnalibus urbis Mediolani" ("Die Wunder Mailands"). Danach
hat die Stadt: 200000 Einwohner, 12500 auf die Straße gehende Häuser,
60 coperti (Arkadengalerien), 200 Kirchen (davon 36 der Madonna geweiht),
10 Hospitäler, 300 Bäckereien, 440 Metzger, ca. 1000 Tavernen, 150
Herbergen, 80 Schmieden und 40 Buchschreiber. In Tirol wird für den Fürstenhof
und die Städte ein Augenarzt berufen (Magister Phylippus medicus oculorum
de Florencia; bis 1350).
Ca.: Die Prägung des Kölner Pfennigs (Sollgewicht 1,46 Gramm) wird
eingestellt. Er ist der hochwertigste und wegen seiner Stabilität der
beliebteste Pfennig in Deutschland gewesen, hat dann aber nach der Mitte des
13. Jhs. auch an Wert verloren. Die Zeit der Pfennige ist vorüber.
1289
Sandro di Popozo erwähnt Augengläser, die "man vor kurzem erfunden
hat und die armen alten Leuten helfen sollen, deren Sehkraft schwach geworden
ist. (...?) Ich bin vom Alter so geschwächt, daß ich ohne sie nicht
mehr lesen oder schreiben könnte." ("Abhandlung über die
Familienführung") Dies ist die erste Erwähnung von Brillen.
In Rottweil ist ein Bürgermeister bezeugt. In Montpellier verfaßt
Arnold von Villanova die "Parabolae medicationis" (Parabeln der
Heilkunst). Universität Montpellier gegründet. Im Heer Rudolfs von
Habsburg befinden sich 1500 Mann aus den drei Schweizer Urkantonen (Uri, Schwyz
und Unterwalden), die einen Zug gegen Besancon durch einen Nachtangriff entscheiden.
Man findet Schweizer zu dieser Zeit auch in italienischen Diensten.
1290
Rudolf von Habsburg spricht dem Zweikampf jegliche rechtliche Wirkung ab.
In diesem Jahr läßt er alleine in Thüringen, Franken und Schwaben
136 Raubritterburgen zerstören (davon 60 in Thüringen). Zur Abschreckung
werden entlang der Handelsstraßen Räder und Galgen aufgestellt.
In Frankfurt wird erstmals eine Badestube erwähnt. In Nürnberg soll
per Gebot nur Gerste zum Bierbrauen verwendet werden. Vertreibung der Juden
aus England. Ludwig, der Sohn des Herzogs von Bayern kommt bei einem Turnier
ums Leben. In stettin ist ein Schöffenkollegium belegt. Vertreibung der
Juden aus England. Gründung der Universität von Lissabon nach dem
Vorbild von Bologna.
Ca.: Heinrich von Freiberg, ein Bürgersohn aus Leitmeritz, der dem Literaturkreis
um König Wenzel II. von Böhmen angehört, verfaßt eine
"Tristan"-Fortsetzung im Auftrag des böhmischen Adligen Ulrich
von Lichtenburg. Auch hier wird der Stoff wieder moralisierend betrachtet.
Bis 1300: Ab dieser Zeit werden auf Damensiegeln statt einem zwei Wappen abgebildet,
nämlich neben demjenigen des Gatten auch das des Vaters. Möglicherweise
erscheint diese Zweiteilung nun auch in der Damenmode, wie z.B. für 1340
nachweisbar. In dieser Zeit kommen auch die ersten gevierten Wappenschilde
auf.
1291
"Ewiger Bund" der drei Schweizer Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden.
(Eidgenossenschaft). Dies ist zunächst eher ein Landfriedensbund als
ein Bündnis gegen die Habsburger. In St. Gallen (!) sind der Abt, Der
Propst und neun Mönche des Stifts nicht fähig, zu unterschreiben,
d.h. sie können gar nicht schreiben. In einem Vertrag zwischen Lübeck
und dem Bischof von Ratzeburg wird mittels einer bronzenen Staumarke geregelt,
bis zu welcher Höhe die Lübecker das Wasser der Wakenitz aufstauen
dürfen. In Siena werden sämtliche Kampfspiele, einschließlich
der Schneeballschlachten verboten. Gerichtsorte: In Freiburg i. Br. wird vom
Gericht unter der Laube berichtet. Gerichtslauben sind ursprünglich freistehend,
werden aber, sobald die Städte die Gerichtsbarkeit innehaben, oft ans
Rathaus angebaut. Die Hohenzollern erhalten den Burggrafensitz in Nürnberg
zu Lehen. 11. Februar: Im Bodenseeraum wird erstmals das Wort "Fastnacht"
erwähnt. Breslau erhält eine zweite Stadtmauer mit zehn Toren. 18.
Mai: Akkon, die letzte christliche Festung in Palästina wird von den
Mamelucken erobert. Die Christen räumen Tyros, Beirut und Sidon. Der
Johanniterorden wird nach Zypern verlegt, der Hochmeister des Deutschen Ordens
zieht nach Venedig um. In Genua laufen zwei Galeeren ('Allegranza' und 'San
Antonio' unter den Gebrüdern Vadino und Ugolino Vivaldi) aus, um, unterstützt
von der Familie Doria (Teodisio Doria ist eventuell auch bei der Expedition),
Afrika zu umsegeln und Malabar zu erreichen. Nach genuesischen Quellen erreichen
sie mindestens das marokkanische Vorgebirge Juby, sind aber danach verschollen,
obwohl von einigen (ohne Beweise) behauptet wird, sie seien bis Äthiopien
gekommen. Galeeren können ohne Schwierigkeiten eigentlich nur bis zum
Cabo Bojador (Westsahara) fahren. Es ist jedoch der erste ernsthafte Versuch,
die arabische "Gewürzbarriere" zu durchbrechen. In der Signoria
von Florenz taucht der ersten Medici als Prior auf. In den nächsten gut
50 Jahren üben sie dieses prestigeträchtige Amt noch 27 mal aus.
König Rudolf I. (73) stirbt.
1292
Ein Genuese bringt dem Emir von Marokko einen vergoldeten Baum mit automatisch
singenden Vögeln. Ein Urteil des Hofgerichts von König Adolf von
Nassau legalisiert nach Ablauf einer gewissen Zeit die Duldung des illegalen
Baus von Burgen durch den zuständigen Grafen. In Hamburg erhält
der Rat gesetzgebende Gewalt. Hamburg hat mehrere Bordelle ("Frauenhäuser").
Den "gemeinen Frauen" wird bei Strafe von Pranger und Ausweisung
verboten, mit unzüchtigen Reden den guten Ruf redlicher Frauen in Frage
zu stellen. Die Franziskaner von Andernach verkaufen ein großes Haus
in der Nähe ihrer Kirche an einen reichen Bürger mit der ausdrücklichen
Auflage, daß er dieses weder einem Schmied, einem Zöllner oder
einem Wirt verpachten dürfe [vielleicht wegen Lärmbelästigung,
wie Kühnel meint; vielleicht spielen hier aber noch andere Ursachen hinein:
der Schmied steht (eventuell noch) im Geruch der Magie, der Zöllner ist
biblisch vorbelastet und beim Wirt scheint man das Laster zu wittern]. Das
Stadtrecht von Dresden wird bestätigt. Ein Bürgermeister und Schöffen
werden gewählt. Der Erzbischof von Köln beginnt in Rheinberg mit
dem Bau eines kurfürstlichen Schlosses und Zollturms. Der Zollturm (später
auch Pulverturm genannt) wird etwa 35 Meter hoch werden und steht bis 1598.
In Paris gibt es nach einer Steuerübersicht 352 Straßen, elf große
Kreuzungen, zehn Plätze, 15 Kirchen und 15000 Steuerzahler. Es gibt dort
auch 13 Hersteller von Bällen (für Ballspiele). In Genua gibt es
Papiermühlen. Adolf von Nassau wird König (bis 1298).
1292/1294
Unruhen in Braunschweig, verbunden mit territorialen Vorgängen.
1293
Aus dem Freiburger Stadtrecht: "Ein wip ist genoz irs mannes, und der
mann des wipes, und erbet ein wip iren mann unhd ein mann sin wip." (Standes-
und erbrechtliche Gleichstellung der Eheleute)
1294
Die Bierbrauer errichten in Lübeck die erste "Wasserkunst",
eine aus der Wakenitz (Wagnitz) gespeiste Wasserleitung. Dies deswegen, weil
das Wasser der Wagnitz sauberer ist als dasjenige der durch den Hafenverkehr
verschmutzten Trave, obwohl an der Wagnitz ein - saisonal betriebenes - Schlachthaus
steht. Philipp IV. von Frankreich erläßt eine Kleiderordnung: So
dürfen u.a. Adlige - weltliche und geistliche - pro Jahr nicht mehr als
vier farbige Gewänder anfertigen lassen. Der Preis des Stoffes ist auf
30 Pfund pro Elle begrenzt, sofern der Betreffende nicht mehr als 5000 bis
7000 Morgen Land hat. Kein Bürger darf Fehpelze oder Grauwerk tragen,
außer er hat 1000 Pfund Vermögen. Er darf insgesamt nur eine Garnitur
Kleidung besitzen und darf dafür kein Gold verwenden. Bürgersfrauen
und Geistlichen ist nur ein pelzbesetztes Kleid erlaubt. Frauen dürfen
nur ihr Hochzeitskleid, von dem die Elle höchstens 35 Pfund kosten darf,
als Festkleid auch später tragen. In der ältesten Waldordnung von
Nürnberg beginnt der Schutz der umliegenden Reichswälder. Der Ort
Kranenburg am Niederrhein (1227 als Niederburg gegründet) erhält
Stadtrechte. Der Graf von Kleve hatte holländische Kolonisten hierhergeholt,
um Kranenburger Bruch trockenzulegen. Besonders der Käsehandel bringt
Wohlstand. Das Amt und Gericht Kempen erhält Stadtrechte und bald auch
eine Mauer.
1295
Herzog Ferry III. von Lothringen ordnet an, daß die Stadt Sierck über
ein Tuchsiegel verfügen soll (Qualitätskontrolle). Minden und Paderborn
sind als Hansestädte belegt. Der Mainzer Stadtrat erwirbt vom Erzbischof
das einträgliche Recht des Judenschutzes. Erste urkundlich bekannte Braurechte
in Pilsen. In Freiburg läßt der Rat am Münster ein Zubermaß
für Holzkohle einmeißeln, mit dem Hinweis, daß acht solcher
Zuber einen Karren ergeben. In Dresden wird das Kaufhaus auf dem Stadtmarkt
(später Altmarkt) urkundlich erwähnt. Es dient zugleich als Rathaus.
Aus England stammt der älteste schriftliche Nachweis über die Verwendung
von geschorenem Samt (Velours) als Kleidungsstoff. Herzog Johann von Brabant
kommt bei einem Turnier ums Leben.
1296
In Troyes wird ein "juglator" namens Johannes durch königliche
Urkunde zum Spielmannskönig eingesetzt. Dieses Amt bleibt eine lokal
begrenzte Würde. Wien wird aus der Reichsunmittelbarkeit gelöst;
bürgerliche Sonderrechte werden beseitigt. Albrecht I. verbannt "Würfelspieler
und Lotterbuben" von allen Friedhöfen Wiens. Im Ausburger Stadtrecht
werden zwei Stellen bezeichnet, an denen der Henker den Aushub der "sprechhäuser"
in den lech zu schütten hat. In Frankreich wird eine Verordnung gegen
das Fluchen erlassen.
Bis 1311: Aufstand gegen Steuertyrannei in Douais.
1297
Als England die Wollausfuhr einstellt, bricht in den flandrischen Städten
Hunger und Elend aus. Ein Bittgesuch des Parlaments an Edward I. schätzt
die Wolleinkünfte Englands auf die Hälfte des gesamten Bodenbesitzes.
Gerard de Moor, Lord von Wessegem besitzt sieben Pferde im Gesamtwert von
1200 livres tournois. Dabei kann der Wert des Hauptpferdes dem Jahreseinkommen
eines Ritters entsprechen. [nach Verbruggen, Warfare] In Venedig schließt
sich der Große Rat am 28. Februar erbrechtlich ab: Von nun an kann nur
noch eintreten, wer in ihm Vorfahren auf der Vaterseite nachweisen kann (aristokratisch-oligarchische
Verfassung); dies hat bald Verschwörungen zur Folge. Das neue Wahlgesetz
ist als die Serrata bekannt.
Bis 1304: In dieser Zeit entsteht ein Preislied von Johannes Hadlaub aus Zürich,
in welchem er die Sammeltätigkeit der Züricher Patrizierfamilie
Manesse rühmt, die einen unvergleichlichen Schatz von "liederbuoch"
zusammengebracht habe. Es ist nicht klar, ob damit die "Große Heidelberger
Liederhandschrift" (Codex Manesse) gemeint ist oder Material, das für
diese bereitgestellt wird und vielleicht ein eigenes Liederbuch bildet.
1298
Ein "Edler" von Rintfleisch führt in Würzburg und Nürnberg
eine Judenverfolgung durch; er soll "100000" erschlagen haben. Bei
einem großen Brand in Straßburg wird das Münster beschädigt
und 335 Häuser brennen ab. Daraufhin werden die "Überhänge",
die vorkragenden Obergeschosse der Häuser verboten. Zwischen Genua, Flandern
und England wird eine regelmäßige Schiffahrtslinie eingerichtet.
In Siena machen die Buonsignori bankrott. Bis 1308: Zu Lübeck wird an
das Rathaus das sog. Danzelhaus angebaut, ein Festsaal für Empfänge
und den Tanz der Ratsgeschlechter, ohne den kein Patrizierregiment auskommen
kann. Zur Finanzierung dient die Miete der Goldschmiedeläden, die in
den Arkaden der Marktseite angebracht sind. König Adolf von Nassau (48)
stirbt. Albrecht I. (43) wird König.
1299
Auf dem Generalkapitel von St. Quentin machen die Benediktineräbte der
Reimser Kirchenprovinz darauf aufmerksam, daß sich gewisse Mißstände
in den Klöstern breitgemacht hätten: Die Mönche benutzten leinene
Hemden, gold- und silbergeschmückte Gürtel aus Seide, modische Schuhe
und Übergewänder, sowie bunte geschlitzte Kleider mit tief herunterfallenden
Ärmeln. Rotterdam wird Stadt (und bald ein Zentrum der Heringsfischerei).
Rottweil wird von auswärtigen Gerichten befreit. Erste Erwähnung
der Stadtmauer von Dresden. Breslau erhält ein Rathaus. Bei einem Brand
in Weimar werden die Burg sowie die Kirche St. Peter und Paul zerstört.
Papst Bonifatius VIII. verbietet (wie auch 1300 wieder) aufs strengste die
verbreitete Praxis, die Leichen von auf Reisen verstorbenen Edlen zu zerschneiden
und zu kochen, um die solcherart gereingten Knochen zur Bestattung zu verschicken.
Diese Sitte hört damit natürlich nicht auf.
Ca.: Venedig beginnt mit der Prägung goldener Dukaten.
Und 1300: Nach dem Passauer Stadtrecht bleibt straffrei, wer einen Fahrenden
schilt oder schlägt.